Lehrpersonen und die Angst vor dem Kontrollverlust

In einer der letzten Fachdidaktik-Sitzungen hat eine Teilnehmerin von einem Tipp erzählt, den sie von einer erfahrenen Lehrerin bekommen habe: Vor einer Lektion solle sie die Klasse noch einmal daran erinnern, dass die Teilnahme am Unterricht benotet werde. Das führe dazu, dass sich die Schüler:innen viel besser beteiligen würden.

Die Studentin war unsicher, wie sie mit diesem Hinweis umgehen solle: Auf der einen Seite sei die Teilnahme am Unterricht erwünscht und helfe ihr, gute Lektionen zu gestalten. Auf der anderen Seite wolle sie das nicht erzwingen, zudem seien Beteiligungsnoten problematisch.

Ja, Beteiligungsnoten sind problematisch. Wie alle Noten. Das Beispiel zeigt gut, warum sich viele Lehrpersonen weiterhin darauf abstützen: Noten sind ein Mittel der Kontrolle. Sobald man darauf hinweist, was wie benotet oder geprüft wird, beginnen Schüler:innen, ein erwünschtes Verhalten zu zeigen: Sie notieren sich Dinge, fragen nach, sind aufmerksam, verwenden nichtschulische Lernzeit für das betreffende Fach. Redet man dagegen weniger von Noten – wie das bei Ungrading der Fall ist –, gibt es dieses Machtinstrument nicht mehr.

Dadurch erhöht sich der Freiheitsgrad für die Lernenden. Ihre Konditionierung, Zeit und Arbeit in das zu investieren, was benotet oder geprüft wird, wird schwächer. Sie müssen selbst mehr entscheiden, was ihnen wichtig ist und wo sie Sinnangebote wahrnehmen.

Mir persönlich wurde im Notensystem unheimlich, dass ich von Schüler:innen praktisch alles hätte verlangen können, wenn ich dafür eine gute Note gegeben hätte. Einmal sagte ich im Scherz, Schüler:innen würden ganze Blätter mit kleinen Kreisen füllen, wenn ich dafür eine gute Note geben würde. In der nächsten Stunde zeigte mir ein leicht verunsicherter Schüler ein Heft, das er mit Kreisen gefüllt hatte, und fragte, ob ich das so gemeint habe und ob er jetzt eine gute Note bekomme.

Schüler:innen zu erklären, warum Themen und Kompetenzen wichtig sind, sie zu erfüllenden Tätigkeiten im Schulzimmer einzuladen und mit ihnen auszuhandeln, wofür sie sich gut und wofür weniger gut motivieren können, ist anstrengend. Es ist aber auch unser Job und der einzige Weg hin zu gutem Unterricht. Sinnerleben und Selbstwirksamkeit sind enorm wichtig. Sie können die Kontrolle durch Noten ersetzen: Sinn und Wirkung erzeugen einen Sog, der ähnlich stark ist wie der eines willkürlichen Zahlensystems. Darauf dürfen Lehrpersonen vertrauen. Freiheit und Selbstbestimmung beflügeln Jugendliche. Wer denkt, junge Menschen würden nur dann etwas leisten, wenn sie unter Druck gesetzt würden, hat vieles verpasst, was in der Zusammenarbeit mit ihnen möglich ist.

Zurück zum Anfangsbeispiel: Per Notendruck erzwungene Beteiligung an Unterrichtsgesprächen führt zu schlechten Unterrichtsgesprächen. Wenn Schüler:innen nicht mitdenken oder mitreden wollen, stelle ich als Lehrperson entweder zu schwierige oder zu langweilige Fragen. Klar ist es aufwendig, mich zu hinterfragen und nach besseren Settings zu suchen. Aber alle ständig zu bewerten und zu kontrollieren ist auch anstrengend.

Foto by erwin bosman from Pixabay

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