Braucht das System richtig schlechte Noten?
Wenn ich mit Schüler:innen, die meinen Unterricht nicht kennen, über meine Widerstände gegen Benotung spreche und ihnen erkläre, wie ich damit umgehe, dann gibt es einen Einwand, der mich irritiert: «Geben Sie dann Schüler:innen auch wirklich schlechte Noten?»
Ich antworte meist so, dass ich sage, ich wüsste gar nicht, was sehr schlechte Noten bedeuten. Ungenügend verstehe ich, das bedeutet, dass sich jemand verweigert hat oder die Lernziele nicht erreicht hat. Aber was bedeutet noch schlechter als ungenügend? Warum sollten Schüler:innen so schlechte Noten erhalten?
Natürlich ist mir klar, dass man
- Noten und Punkte in ein lineares Verhältnis setzen kann und dann irgendwo eine Grenze gezogen wird, was genügende Leistungen markiert
- sehr tiefe Noten auch deshalb setzt, damit die nächste genügend bis gute Note nicht ausreicht, um die tiefe Note auszugleichen.

Nur: Was bedeuten sehr tiefe Noten wirklich? Für mich sind sie ein Hinweis auf ein grundsätzliches Problem. Entweder fehlen der so benoteten Person elementare Voraussetzungen oder sie leider an etwas, was ihr verunmöglicht, wirksam am Unterricht teilzunehmen. Sie sind ein Alarmsignal, eigentlich ein Indiz dafür, dass man externe Hilfe beiziehen sollte.
Für andere Lehrpersonen sind sie eher ein Hinweis darauf, dass Schüler:innen Prioritäten anders setzen sollten. Sie wollen damit sagen, dass der Lernprozess nicht gut verlaufen ist, die Ergebnisse nicht mit den Erwartungen übereinstimmen und sie als Lehrpersonen bereit sind, ernsthafte Probleme zu verursachen, wenn die Schüler:innen ihr Lernverhalten nicht ändern und sich mit mehr Energie diesem Fach widmen.
Die entscheidende Frage ist, ob jemand damit «durchkommt». Es gibt für Schüler:innen Wege, mit ungenügenden Noten zu leben – mit richtig schlechten Noten nicht. Sie sagen deshalb: «Mit dieser Performance solltest du nicht leben können.»
In meinem pädagogischen Verständnis müsste ich dann ein Gespräch suchen und das direkter sagen. Dasselbe gilt auch für die Situation, wenn Schüler:innen es hinnehmen, ungenügend zu sein. Dann würde ich mich als Lehrperson und sie als Schüler:innen fragen, warum das so ist.
Das System stellt richtig schlechte Noten zur Verfügung, sie sind eine Option, die vorgesehen ist. Das ist korrekt. Aber: Sollten wir sie auch nutzen? Diese Frage hängt mit der Frage der Selektion und der Entscheidung über Bildungswege zusammen. Richtig schlechte Noten sollten dabei helfen, Schüler:innen, die an der falschen Schule sind, an die richtige Schule zu bringen – so zumindest die Vorstellung derjenigen, die sie nutzen. Auch hier halte ich andere Wege für zielführender, Wege, die über die Einsicht von Lernenden funktionieren. Ob Noten ungenügend oder richtig schlecht sind – es ist stressig, Erwartungen nicht zu erfüllen, gestellte Aufgaben nicht bewältigen zu können, überfordert zu sein. Daran muss man arbeiten. Die technokratische Vorstellung, das Problem liesse sich durch Zahlen lösen, teile ich nicht.