Ungrading – wie verlernen wir Noten?

Ungrading ist ein Buch von Susan D. Blum: Darin sind verschiedene Ansätze versammelt, wie amerikanische Schulen und Hochschulen von Noten wegkommen könnten. Der heutige Newsletter beschäftigt sich mit diesem Prozess des Ungradings.

These: Lehramtsstudierende sollten Notengebung gar nie lernen

Als Dozent für Deutschdidaktik zeige ich Studierenden, wie sie Noten so geben können, dass sie wenig Probleme bekommen: Keine Probleme mit Schüler*innen, mit Eltern, mit Kolleg*innen und mit ihrem Zeitmanagement. Wir reflektieren das auch kritisch, so dass am Schluss eine Erkenntnis wie die folgende rauskommt:

»Eigentlich sollten wir Schüler*innen Feedback auf ihre Lernprozesse geben, aber in der Realität müssen wir ihre Produkte bewerten. Das machen wir am besten so, dass es sich dabei nicht um gutes Feedback handelt, weil wir uns damit keine Probleme einhandeln.« 

Für mich selber ist diese Anleitung immer weiter von meiner Unterrichtspraxis weg: Ich führe keine Prüfungen mehr durch und versuche, gegenüber Schüler*innen so wenig wie möglich auf Noten zu verweisen, sondern Feedback in den Mittelpunkt zu rücken.

Wenn nun Studierende erst lernen, wie sie Noten geben können – und das dann wieder entlernen müssen: Ginge das nicht einfacher, indem sie gar nie lernen würden, Noten so zu geben, wie das System das verlangt?

Ich bin unsicher. (Ganz ähnlich ist es ja bei diesen Show-Stunden: Sie lernen im Studium, eine perfekte Stunde für Bewertende zu halten – obwohl im Schulalltag perfekte Stunden weder sinnvoll noch möglich sind.)

Tweet: Susan Blum zitiert eine Schülerin ♥️

Text: Eine Kurzfassung

Wer keine Zeit für das ganze Buch von Blum hat, sollte diese Rezension in der Los Angeles Review of Books lesen. Ryan Boyd erklärt darin knapp und klar, warum Noten ein Problem sind:

  1. Sie sind nicht genau.
  2. Sie beinhalten alle Vorurteile einer Gesellschaft und sind damit ungerecht.
  3. Sie erschweren jede Form von Lernen.
  4. Sie frustrieren Lernende und machen sie depressiv und unsicher.

Boyd geht einen Schritt weiter und zeigt, dass die problematischen Methoden im Bildungssystem Ausdruck gesellschaftlicher Probleme sind. Die Schulen funktionieren so, wie sie funktionieren, weil es sozialen und wirtschaftlichen Druck gibt. Lehrkräfte können nicht alleine eine Veränderung herbeiführen, es braucht kollektive Bemühungen und eine Form von Rebellion:

What Ungrading calls “a growing movement” has awoken to the fact that “because we invented [grading], we can uninvent it. We can remove it.” Human beings make human worlds, so they can make new ones, together, and that means teachers from kindergarten to college who are prepared to reject the zombie status quo of grades and build collectives like labor unions. Ungrading is the most coherent early salvo in a long rebellion. Rebellions often falter, of course, but thanks to this collaborative polemic, we — the many publics and practitioners invested in the idea of democratic education — have a better shot.
Los Angeles Review of Books
A collaborative polemic against rating-obsessed structures that inhibit good teaching and real learning....

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