Followerzahlen sind Noten – wie Bob Blume und Linda Weise Werte für Metriken aufgeben

Nicht die Frage nach den Noten sollte von Interesse sein, sondern die, ob die Kinder und Jugendlichen zum Denken animiert werden.

Das ist eine der Aussagen aus Bob Blumes Buch «Warum noch lernen?». Immer wieder beschreibt Blume, wie Noten Fehlanreize setzen, kurzfristige Prüfungsvorbereitungen in den Vordergrund rücken – und gleichzeitig echtes Nachdenken und Motivation gefährden.

Man könnte denken, Blume habe verstanden, woran die Schule krankt. In seinem Elternratgeber «Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?» betont Blume die geringe Aussagekraft von Noten, ihre Abhängigkeit von leistungsunabhängigen Faktoren und bezeichnet sie als «Farce». Nur wenn geklärt sei, warum jemand (etwas) lernen soll, könne wirksamer Unterricht mit motivierten Schüler:innen stattfinden.

Dann lädt Blume Linda Weise in seinen Podcast «Die Schule brennt» ein. 17 Jahre alt, Gründerin von «Traumnoten Trainer» – viele Follower, Schnitt 1,0. Beides betont Blume gleich in der Einführung, obwohl das exakt die Kennzahlen sind, die er in seinen Büchern für bedeutungslos erklärt.

Weise auf Linkedin und Instagram

Weise verkauft das Gegenteil von Blumes Programm: maximale Effizienz bei der Vorbereitung auf Prüfungen. Sie verlässt die Schule, um sich selbständig aufs Abi vorzubereiten – nicht, weil sie das System kritisiert, sondern weil sie es besser bedient als das System selbst. «Ich glaube, man bräuchte auch deutlich weniger Was, wenn man das Wie mal lernen würde», sagt sie. Und: «das Ganze würde aber auch deutlich effizienter gehen, weil man einfach nur auf dieses 'Was' abzielt». Das «Warum» kommt nicht vor. Blume fragt nicht danach. Nicht einmal die naheliegendste aller Fragen stellt er: Wozu lernst du eigentlich? Was interessiert dich? Welche Probleme willst du lösen?

Stattdessen darf Weise Sätze zur Vergessenskurve und Spaced Repetition aufsagen – Techniken, die überhaupt nur nötig sind, wenn sinnlose Inhalte auswendig gelernt werden. Blume nickt das ab. Der Mann, der Noten für eine Farce hält, produziert eine Podcastfolge, deren stille Prämisse lautet: Weil Noten das Wichtigste sind, muss man lernen, sie zu optimieren.

Was bei Blume und Weise passiert, ist keine Inkonsistenz. Es ist das, was Orwell Doublethink nannte: Die Fähigkeit, zwei sich ausschliessende Überzeugungen gleichzeitig für wahr zu halten – und sie je nach Bedarf abzurufen. Überzeugung A: Noten sind bedeutungslos und schädlich. Überzeugung B: Noten zeigen, wer gut lernen kann und etwas leistet – und wer es verdient hat, in einen Podcast eingeladen zu werden.

Wie kann Blume diese Widersprüche aushalten? Die Erklärung liegt darin, dass er ein Influencer ist, der primär daran interessiert ist, die eigene Reichweite durch einen Anschluss an die Reichweite anderer zu erweitern. Das bedingt eine maximale Anschlussfähigkeit auch an Sichtweisen, die denen, die man anderswo geäussert hat, widersprechen. Viele Influencer:innen teilen dieses Problem, was selten auffällt: sie setzen sich nur sehr oberflächlich mit Argumenten und Positionen auseinander, weil sie immer ein möglichst breites Publikum so adressieren möchten, dass sie kompetent erscheinen. Sobald eine vertiefte und differenzierte Diskussion geführt würde, müsste man sich mit Kritik auseinandersetzen und einräumen, dass man bestimmte Zusammenhänge nicht versteht. Das funktioniert nicht, wenn Reichweiten so addiert werden sollen, wie das die Plattformen vorgeben.

Der Philosoph C. Thi Nguyen hat für diesen Vorgang einen Begriff geprägt: value capture. Gemeint ist der Prozess, in dem reiche, vielschichtige, persönlich errungene Werte durch eine simple, von aussen vorgegebene Metrik ersetzt werden – und man irgendwann nicht mehr für die Werte optimiert, sondern nur noch für die Zahl. Der Läufer, der einst für die Freude an der Bewegung lief, jagt Schrittzahlen. Die Schülerin, die einst etwas verstehen wollte, jagt den 1,0-Schnitt. Der Bildungskritiker, der einst über eine bessere Schule sprach, jagt Follower.

Das Perfide an value capture: Die Metrik verdrängt den Wert nicht offen, sie gibt sich als dessen Messgrösse aus. Reichweite fühlt sich an wie Wirkung. Follower fühlen sich an wie überzeugte Menschen. Viralität fühlt sich an wie Relevanz. So kann Blume subjektiv weiterhin glauben, für bessere Bildung zu kämpfen, während er faktisch nur noch das tut, was die Zahl steigert – und sei es, einer Schülerin eine Bühne zu geben, deren Geschäftsmodell alles verkörpert, was seine Bücher ablehnen. Weil diese Schülerin ebenfalls eine grosse Reichweite hat, sieht sie sich selber als Lernexpertin – und Blume übernimmt diese Einschätzung.

So wird der Doublethink nachvollziehbar: Die Notenkritik im Buch und die Einser-Schülerin im Podcast widersprechen sich inhaltlich, aber nicht metrisch. Metrisch sind sie dasselbe: Zahlen, die steigen. Influencer:innen sind der perfekte Anschauungsfall für value capture, denn Plattform-Statistiken funktionieren exakt wie Schulnoten. Sie sind Zahlen ohne Warum. Wer die Logik der Algorithmen versteht, kann Plattformen genauso hacken wie Prüfungen. So wie Weise die Photosynthese nicht verstehen muss, um eine 1 zu schreiben, muss Blume kein tiefgründiges Gespräch führen, um Social-Media-Erfolg zu haben. Zahlen ersetzen erfahrbaren Sinn, Content ersetzt differenzierte Auseinandersetzung, gegenseitige Verstärkung ersetzt nachhaltige Kritik.

Weise orientiert sich an Noten, Blume an Reichweite – das ist derselbe Mechanismus auf zwei Plattformen. Deshalb verstehen sich die beiden im Podcast auch so gut: Sie sprechen dieselbe Sprache, die Sprache der Optimierung von Kennzahlen, deren Sinn man nicht befragen darf, weil sonst das ganze Spiel zusammenbräche. Diese Optimierung bedingt Oberflächlichkeit, Verzicht auf vertieftes Denken.

Daraus folgt der eigentlich unbequeme Schluss: Bildungsinfluencer:innen wie Blume und Weise wollen das System nicht reformieren. Sie sind darauf angewiesen. Weise braucht sinnlose Prüfungen, um ihre Lerntechniken zu verkaufen; Blume braucht die Empörung über eben diese Prüfungen, um seine Bücher, Podcasts und vor allem sich selbst zu vermarkten. Wären Schulen gute Lernorte, verlöre dieser Content seine Geschäftsgrundlage. Würden Weise und Blume an die Reform des Systems glauben, würden sie sich ihm nicht entziehen – auch Blume arbeitet nicht mehr als Lehrer, sondern nur noch als Influencer.

Der Widerspruch ist also kein Betriebsunfall, sondern das Geschäftsmodell: Notenkritik für das Publikum, das Kritik hören will, Noteneffizienz für das Publikum, das Traumnoten will – und Reichweite aus beiden. Blume verrät dabei keine Grundsätze, weil er keine hat. An ihre Stelle ist eine Metrik getreten, von der er sich nicht lösen kann. Das ist die eigentliche Lektion dieses Podcasts – und sie steht in keinem seiner Bücher.


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