Warum sind Schüler:innen gute Noten wichtig?
Im Rahmen des Ungradings führe ich immer wieder Gespräche mit Schüler:innen, bei denen diese zwar rational einsehen, dass Noten nicht entscheidend sind – und dann emotional doch den Wunsch äussern, ein «schönes Zeugnis» zu haben. Einige möchten es den Eltern zeigen, andere brauchen es für ihr «Ego».
Offenbar geht es um Stolz, um Anerkennung, um das Gefühl, dass sie die Arbeit lohnt oder gelohnt hat. Wie für viele andere Aspekte – Selektion, Feedback, Verbindlichkeit – sind Noten hier ein effizientes Mittel: Für Schüler:innen erzeugen gute Noten positive Gefühle, sie sind ein Mittel, um Anerkennung zu erhalten und sie sich selber zu geben. (Die negative Seite der Anerkennung ist das meritokratische Fehlkonzept, besser als andere zu sein und Privilegien verdient zu haben.)
Wenn man auf Noten verzichtet, muss man für einen Ersatz sorgen. Das mache ich momentan noch zu wenig. Mein Ersatz sind Rückmeldungen, authentisches Feedback, wo ich als Person sage, was mich berührt, was mich überzeugt, wo ich Engagement wertschätze. Das können Lernende leider oft weniger gut rumzeigen, auswerten, quantifizieren wie Noten. Wenn Sie sich SMART-Ziele setzen, dann geht das mit Noten besser als mit verbalen Rückmeldungen – weil ich mich einer Quantifizierung verweigere.
Dafür hat dieses Feedback aber eine nachhaltigere Wirkung, es führt zum Aufbau einer Beziehung, es lenkt den Fokus auf Lernschritte und echte Erfolge, statt Punkte zu verrechnen und mit Zahlen zu jonglieren. Portfolios mit Würdigungen von Lehrkräften könnten etwas sein, was Lernende dann auch den Eltern zeigen können – um auch dort den Stolz auf das Erarbeitete entfalten zu können.