Ein eindrückliches Buch: «The Score» von C. Thi Nguyen

In dieser Folge bespreche ich das Buch in einer Art Rezension – im nächsten Newsletter lege ich dar, was Nguyens Einsichten für den Umgang mit Noten bedeuten.

Der Philosoph C. Thi Nguyen liebt Spiele. Sie zeigten uns ein «Paradox der Freiheit», schreibt er in seinem aktuellen Buch The Score: Spielregeln scheinen uns zu beschränken, aber sie schaffen Möglichkeiten und Freiheiten, die es ohne sie nicht gäbe. Nguyen erklärt das an einem Beispiel aus der Indie-D&D-Spielwelt: In Lady Blackbird können Spieler:innen bestimmte Punkte erhalten, wenn sie mit ihren Spielfiguren eine Szene spielen, durch die deren Beziehung an Tiefe gewinnt. Die Regeln des Spiels erlauben Spielenden also gemeinsam eine Geschichte zu erfinden, was sie ohne das Spiel nicht täten oder könnten.

Das ist ein positives Beispiel für die Wirkung von Scores, die starke Anreize schaffen. Nguyen ist hier grundsätzlich sehr skeptisch. Sein zentraler Begriff ist «value capture» (in der deutschen Übersetzung des Buches heisst der Begriff «Werteübernahme»). Ein Beispiel dafür ist eine Diät, für die man das eigene Gewicht misst und Kalorien zählt. Das Ziel wäre dabei, sich gesunder zu fühlen. Durch die Werte (Kalorien oder Gewicht) verlieren Menschen nun dieses Ziel aus dem Blick – sie setzen ihre Werte nicht mehr selbst, sondern übernehmen sie von aussen. Für Nguyen ergeben sich neben dieser Fremdbestimmung folgende Probleme:

  1. Die Werte sind dekontextualisiert. Mit welchem Körpergewicht sich Personen wie wohl fühlen oder wie die Kalorienzahl eines bestimmten Gerichts mit seinem Genuss oder seiner Bedeutung zusammenhängen, lässt sich an den Scores nicht ablesen.
  2. Es gibt einen Gap zwischen Messbarkeit und Bedeutung: Was leicht mess- und vergleichbar ist, enthält wenig Informationen. Alles Subtile, Situationsabhängige und Qualitative ist in diesen Metriken nicht mehr enthalten.

Das schlimmste mögliche Ergebnis ist ein Value Collapse: ein sich selbst verstärkender Rückkopplungskreislauf, in dem vereinfachte Werte Aufmerksamkeit steuern. Das führt zu einem engeren Erfahrungsausschnitt, der die Vereinfachung wiederum bestätigt und vertieft.

Nguyen arbeitet mit zahlreichen Beispielen: Er schlägt z.B. vor, über einen Fisch- oder einen Kurzgeschichten-Wettbewerb nachzudenken. Es gibt ganz viele Arten, wie man gefangene Fische oder Kurzgeschichten bewerten könnte. Damit ein Score akzeptiert wird, muss er mechanisch sein, er müsste also auch von einer Maschine angewendet werden können. Nur würde er dann die reichhaltigen und komplexen Situationen und Wirkungen, die von Fischen oder Erzählungen ausgehen, nicht mehr erfassen können. «Metrics make you an offer: If you accept this prefabricated, public value system into your heart, you will become instantly comprehensible», schreibt Nguyen an einer zentralen Stelle. Einigen wir uns auf mechanistische Scores, dann können plötzlich alle nachvollziehen, weshalb eine Fischerin oder eine Kurzgeschichte die beste ist.

Aber: «Metrics push back». Die Verständlichkeit, die sie ermöglichen, haben einen Preis. Die Welt wird weniger spielerisch, sie entzieht sich reflektierendem Nachdenken. Eine Fischerin könnte darüber nachdenken, wie schwierig es war, jeden einzelnen dieser Fische zu fangen, wie der Vorgang ein Spiel zwischen ihr und einem Tier war, das sie sofort wieder in die Freiheit entlässt, weil sie Freude an dieser Interaktion hatte und dem Fisch nicht schaden will. Nur: Das bringt nichts für die Punkte, die sie möglicherweise für den längsten oder schwersten Fisch erhält. Diese Punkte schliessen Geschichten und Spiele aus.

Sie haben zwei weitere Schwächen, die sich als Stärke verkleiden:

  1. Scores betreiben «objectivity laundering». Metriken erzeugen den Anschein von Objektivität, verbergen aber Wertentscheidungen hinter Zahlen. Wer sich auf die Metrik beruft, entzieht sich der Verantwortung für die darin verborgene normative Vorentscheidung.
  2. Metriken erzeugen ein Gefühl von Klarheit und Verstehen, das intellektuell befriedigend, aber trügerisch ist. Das erklärt, warum Metriken so schwer zu widerstehen sind – nicht nur, weil sie praktisch sind, sondern weil sie sich richtig anfühlen. Wir haben den Eindruck, die Qualität eines Restaurants erfassen zu können, wenn wir seine Bewertung bei Google Maps kennen. Tatsächlich wissen wir aber kaum etwas darüber. Es fühlt sich nur so an.

An diese Überlegungen knüpft Nguyen seine Bürokratiekritik an, die er in einem eingängigen Bild verdichtet: den «Vier Reitern der Bürokratie». Jeder Reiter bringt eine Gabe, verlangt aber zugleich ein Opfer – sie hängen mit Bewertungsvorgängen zu Zahlen zusammen:

  1. Skalierbarkeit ermöglicht koordiniertes Handeln über riesige Distanzen und sehr verschiedene Menschen hinweg. Sie macht Prozesse übertragbar und universell anwendbar. Der Preis: der Kontext geht verloren. Nuancierte, situationsgebundene Urteile werden durch portable, aber vereinfachende Kategorien ersetzt.
  2. Mechanische Regeln geben uns klare, für alle nachvollziehbare Verfahren – die Grundlage für Konsistenz und Zugänglichkeit bei grosser Skalierung. Der Preis: Anpassungsfähigkeit. Wer mechanischen Regeln folgt, verliert die Freiheit, situativ nach eigenem Ermessen zu handeln.
  3. Ersatzteile bzw. Fungibilität führen dazu, dass Menschen und Dinge austauschbar sind. Durch mechanisierte Verfahren werden Arbeiter:innen zu interchangeable Einheiten im institutionellen Apparat. Der Preis: Spezifizität – individuelle Sensibilität und situiertes Fachwissen werden geopfert.
  4. Zentralisierte Kontrolle koordiniert Entscheidungen von einem zentralen Ort aus und macht das Zusammenwirken grosser Institutionen erst möglich. Der Preis: Autonomie. Die Fähigkeit, das eigene Handeln dem lokalen Kontext anzupassen, wird aufgegeben.

Die Darstellung von Nguyen macht deutlich, dass es durchaus Sinn ergeben kann, diese Reiter einzusetzen und die Stärken von Scores zu benutzen. Sie erlauben es, dort Werte auszulagern, wo das bewusst geschieht und einen Sinn ergibt. Nguyen beschreibt, wie er beim Kauf eines Kühlschranks natürlich auf Bewertungen oder Scores schaut – aber darauf achtet, dass keine Value Capture stattfindet, dass also nicht plötzlich alles, wofür sein Haushalt Geld ausgibt, an Metriken orientiert sein muss.

Am Schluss beschreibt Nguyen seine Befürchtung und seine Vision: Die Befürchtung ist, dass immer mehr mechanische Regeln und kontextunabhängige Scores eingesetzt werden. Spiele verlieren an Bedeutung, maschinelle Verfahren treten an ihre Stelle. Eine grosse Klarheit und Eindeutigkeit geht mit einem Verlust an Erfahrung, an Vielfalt, an Individualität einher. Die Vision wäre, dass es Menschen gelingt, die klare Sprache von Scores mit individuellen Vorliegen und Bedeutungszuschreibungen zu kombinieren. Er wünscht sich eine Art föderales Wertesystem, bei dem hinter den Zahlen immer auch Geschichten und Erfahrungen erkennbar sind, wo Menschen in ihren Lebenssituationen entscheiden können, wie sie mit Daten umgehen.

Vier Reiter der Apokalypse (Beatus-von-Osma-Codex, 11. Jahrhundert)

Transparenzhinweis: Ich habe für die Rezension auch mit Claude gearbeitet, um nach Stellen oder Begriffen zu suchen. Auch bei der Korrektur und Überarbeitung des Textes habe ich das Tool genutzt.

Subscribe to Beurteilung & Unterricht

Don’t miss out on the latest issues. Sign up now to get access to the library of members-only issues.
jamie@example.com
Subscribe
Mastodon