Das fundamentale Beurteilungsdilemma: Scheingenauigkeit vs. Transparenz
Noten sind scheingenau – das gilt für jede Form der Bewertung, die sich auf Skalen oder Punkte stützt. Das bedeutet, dass sie an sich sehr ungenau sind, aber sehr genau wirken.
Das zeigen alle empirischen Untersuchungen, in denen verglichen wird, wie unterschiedlich die Bewertungen unterschiedlicher Personen ausfallen. Man könnte auch sagen, Bewertungen sind nicht objektiv.
Bei bewerteten Schüler:innen kommt das aber oft nicht so an. Sie haben den Eindruck, ihre Note in der Biologiearbeit drücke zuverlässig aus, wie gut ihre Leistung war oder ist.
Warum ist das eigentlich so? Schulische Bewertungen orientieren sich an einem experimentellen Modell der Messung, bei dem aufgrund von Daten Rückschlüsse auf naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten gezogen werden, die direkt nicht zugänglich sind. Die heute an Lehrpersonen vermittelten Vorstellungen der Testtheorie basieren auf den unhaltbaren Voraussetzungen, dass Bewertungen von Lernleistungen valide, reliabel und objektiv sein könnten. Zudem werden statistische Vorstellungen über Verteilungen natürlicher Gegebenheiten einbezogen, aus denen sich die Idee ergibt, Noten sollten normalverteilt sein.
Nur: Noten messen nichts. Sie sind wie ein «Thermometer», bei dem sich die Anzeige verschiebt, wenn es geschüttelt wird. Dieses Gerät misst nicht die Temperatur, auch wenn es so aussehen könnte, wenn man nicht weiss, wie das Gerät funktioniert. Wenn nun also Testtheorie und Statistik bemüht werden, dann sind das Instrumente, die nicht geeignet sind, schulische Bewertungen zu beschreiben oder zu erklären. Man tut dies, weil man gerne etwas messen würde, aber letztlich nur subjektive Urteile so aussehen lässt, als handle es sich dabei um objektive Messungen. Lehrpersonen schütteln «Thermometer» und tun dann so, als hätten sie eine Temperatur gemessen.
Grundsätzlich wissen Lehrpersonen, wie ihre Beurteilungen zustande kommen, weil sie diese machen. Sie merken ihre Unsicherheit bei der Punktevergabe bei jeder Aufgabe, wo sie mal strenger, mal milder sind. Sie sind zunächst irritiert von Erwartungshorizonten, und unterdücken dann diese Irritation. Am Schluss verkaufen sie Schüler:innen die gemachten Noten als die richtigen, fairen, verdienten.
Hier passiert etwas ethisch Fragwürdiges. Wären Lehrpersonen hier ehrlich, würden sie sagen: «Ich habe aufgrund meiner subjektiven Eindrücke, meiner Vorlieben, meiner Interpretation der Antworten der Schüler:innen und meiner Interpretation der institutionellen Vorgaben Punkte vergeben und bin zu dieser Note gekommen. Bei einer anderen Lehrperson könnten Punkte und Noten ganz anders ausfallen, eigentlich auch bei mir, wenn ich diese Prüfung in einem anderen Moment korrigiert hätte.»
Warum sind Lehrpersonen nicht ehrlich? Weil es erstens eine starke Erwartung an sie gibt, dass sie bei der Notenvergabe funktionieren. Eine Polizistin muss eine Busse verteilen können, ohne jeweils die Gerechtigkeit dieses Vorgangs jedes Mal neu zu beurteilen, weil wir das von einer Polizistin erwarten. Genauso erwarten Schulen, Eltern und Schüler:innen von Lehrpersonen, dass sie scheingenau bewerten können. Würden sie das nicht tun, würde das das Vertrauen in die Bewertungsfunktion der Schule erschüttern.
So tendieren Lehrpersonen dazu, eine simulierte Form von «Transparenz» herzustellen. Sie stellen kleinteilige Musterlösungen oder Kriterienraster her, die erklären sollen, warum die Bewertung so und nicht anders ausgefallen ist. Damit sind sie aber auf eine sehr spezifische Art unehrlich, weil sie damit noch stärker verstecken, wie gross der subjektive Anteil bei der Bewertung war und ist, wie ungenau dieser Vorgang an sich ist. Woher kommt die Musterlösung? Warum werden da einige Teillösungen als punktewürdig, andere als wertlos bezeichnet? Wie ist die Gewichtung der Aufgaben entstanden? Wer hat die Notenskala gemacht? Hier gibt es eine ganze Reihe von willkürlichen Entscheidungen, die nicht als Entscheidungen sichtbar werden, weil sie verrechnet und dann als Zahl oder Buchstabe präsentiert werden, an denen nicht gerüttelt werden kann.
Echte Transparenz würde Schüler:innen das alles aufzeigen. Noten würden dann kontingent: Sie sind so gesetzt, aber sie könnten auch ganz anders sein. Das nimmt ihnen ihre Funktion, warum sollte man sich mit solchen Zahlen messen lassen oder vergleichen?
Ich sage das allen meinen Klassen. Meine Noten sind nicht objektiv, ich setze sie, weil ich muss. Ich mache das als Mensch, der Fehler macht, der subjektive Urteile fällen muss – ohne diese gäbe es keine Note. Das Ergebnis ist dann:
- Rückmeldungen erhalten viel mehr Gewicht, weil sie letztlich diese subjektive Sicht auf Leistungen explizieren – sie zeigen, worauf ich Wert lege und wie ich Zusammenhänge interpretiere
- die Notensetzung wird als Entscheidung erkennbar, die von mir ausgeht – meine Entscheidung wird nicht hinter Tabellen, Skalen oder Musterlösungen versteckt, sondern sie ist als solche sichtbar. Schüler:innen können sich dazu verhalten, sie können sagen, dass sie nicht einverstanden sind, dass sie meine Entscheidung ungerecht finden. Warum sollte ich ihnen diese Möglichkeit nehmen wollen?
So entsteht das Dilemma im Titel, das Lehrpersonen aushalten müssen: Sollen sie Noten als genaue Werte verkaufen, oder sollen sie ehrlich darüber Auskunft geben, wie diese entstehen? Das wäre echte Transparenz.