Noten als problematische Scores – was wir von Nguyen über die Schule lernen können

Vor zwei Wochen habe ich hier das Buch The Score von C. Thi Nguyen besprochen und angekündigt, dass ich in einem weiteren Newsletter konkretisieren werde, welche Erkenntnisse sich aus seinen Einsichten für die schulische Notengebung ableiten lassen.

Warum Noten nicht nuanciert sind – die Grundeinsicht

Nguyen selber spricht ausführlich über seine Erfahrungen mit Noten. Die damit zusammenhängende Grundeinsicht besteht darin, dass Noten als «kontextunabhängiger Kern» designt sind. Nguyen formuliert den Sinn von Noten allgemein wie folgt:

When we create an institutional quantification, we begin by creating a context-invariant kernel. We want to identify the bit that makes sense across contexts and strip off everything else—all the nuance, all the subtle stuff that requires a lot of shared background to understand. Once we've isolated that context-invariant kernel—once we've designed an info chunk that everybody can understand, no matter their background—then we've created a powerful tool. Everybody, from different contexts, can collect into that same kernel. Everybody can understand the bits other people have collected. And all our collection efforts will add up easily, because we're collecting into the same, fixed kernel. Quantified information can pass easily between different contexts, because it's been built to travel. And it can aggregate easily, because we have stabilized a standard nugget – a stackable, same-size box of information.

Die Einsicht, dass Noten wenig Informationen erhalten, wird hier mit ihren Funktionen erklärt: Weil sie über Kontexte hinweg verrechenbar sein müssen, können sie gar keinen Informationsgehalt haben. Noten sind «narrow by design», schreibt Nguyen. Er zeigt das am Beispiel von differenzierten Rückmeldungen an Lernende: Seine Rückmeldungen in einem Philosophiekurs lassen sich mit dem Feedback aus einem Informatikkurs nicht verbinden, es gibt keine Möglichkeit der Verrechnungen. Bei Noten ist das einfach.

Noten reisen gut über Kontexte hinweg, weil sie radikal de-nuanciert wurden. Zahlennoten kommunizieren sofort und universell – aber dieser Vorteil ist gleichzeitig ihr Problem: Was sie aussagekräftig macht, macht sie blind für das Wesentliche. Der Preis der Übertragbarkeit ist der Verlust von Kontext. Noten wirken so informativ, sind es in den relevanten Punkten aber nicht. Wenn wir wissen wollen, ob eine Schülerin in einem Unternehmen am Telefon auf Englisch Aufträge entgegen nehmen kann, hilft es nichts, wenn wir ihre Englisch-Note kennen.

«You can't house-rule the GPA»

Nguyen beschreibt bei Spielen, dass wir Regeln jederzeit anpassen können – «house rules» legen fest, wie die Menschen, die für ein Spiel zusammengekommen sind, das Spiel in diesem Moment spielen möchten. Bei Noten geht das nicht. Die Vorstellungen von Notenwerten, Notenschnitten und Bestehensnormen kleben an Noten. Sie werden in der Grundschule an Kinder vermittelt.

Um die Köpfe davon zu befreien, nützen Spielereien mit Noten nichts. Das erlebe ich auch beim Umgang mit Kompetenzrastern: Sobald es aus rechtlichen Gründen nötig ist, die Raster in Noten zu übersetzen, holen mich alle Probleme wieder ein, die mit Noten verbunden sind.

Noten sind doppelt falsch: Falsche Anreize & Value Capture

Noten schaffen zunächst falsche Anreize. Schüler:innen tun oft unsinnige, wenig lernwirksame Dinge, weil sie sich davon bessere Noten erhoffen. Ein Beispiel davon sind Prüfungsantworten auf Fragen, zu denen Schüler:innen die Antwort nicht wissen. Die richtige Reaktion auf Fragen, die ich nicht beantworten kann, wäre: Ich schreibe nichts hin, ich äussere mich nicht dazu. Noten schaffen hier aber den Fehlanreiz, sich auch zu Themen zu äussern, die man nicht versteht. Schüler:innen schreiben in Prüfungen oft auch mehr als sie sollten, sie schreiben unsorgfältig und ungenau, weil sie unter Zeitdruck stehen etc. All das tun sie, weil sie sich davon eine bessere Note erhoffen.

Das tiefere Problem ist Value Capture. Damit ist gemeint, dass eine Metrik, die einen Vorgang vermessen sollte, dem Vorgang einen Sinn gibt, der für Lernende alle anderen Sinnangebote verdrängt. Lernen hat viele positive Effekte, aus denen sich ein Sinn ableiten liesse. Für viele Schüler:innen sind aber Noten der dominante Treiber. Sie orientieren sich in ihrem Selbstwert als Schüler:innen, in der Beurteilung des Werts ihrer Arbeit und beim Lernen allgemein an Noten. So verlieren sie oft die Freude am Lernen, werden von Institutionen und Lehrenden abhängig (weil nur die Noten vergeben können) und erleben schulisches Lernen oft als sinnbefreit. Noten bedrohen Lernfreude.

Viele Formen von Gamification verstärken diese doppelte Problematik: Sie setzen noch stärker auf falsche Anreize und Value Capture, in dem sie auch sonst nicht bewertete Vorgänge in eine Metrik einbeziehen.

Noten als Sprache der Rechtfertigung

Noten sind eine «engineered language of fast universal justifications»: «they help us coordinate our actions because they coordinate what we recognize as success». Aus der Sicht der Institution Schule helfen Noten also, effizient legitimierte Entscheide zu fällen und sie zu begründen. Die Sprache der Noten (oder allgemein Metriken) ist mit sozialer Macht verbunden, so Nguyen. Wer dagegen die reiche, kontextabhängige Sprache einer Gemeinschaft und der Pädagogik spricht, wird kaum gehört. Letztlich entscheiden Noten, nicht Gespräche.

Lehrpersonen können – folgt man Nguyen – diese Rechtfertigung auf zwei Arten nutzen: Als «Compromiser» bewahren sie eigene Werte, die von denen der Noten unabhängig sind. Sie benoten, weil sie müssen. Als «Captured» denken sie primär in Metrik-, also Noten-Sprache: Für sie sind gute Schüler:innen die mit den guten Noten, sie belohnen und bestrafen mit Noten (wer eine Prüfung verpasst, muss eine härtere Nachprüfung schreiben).

Noten als Verengung der Schule

Politisch gesehen ist ein Fokus auf eine enge Metrik mit wenig Informationen auch eine Verengung der Institution Schule. Diese wird zu einer «one-product factory», die fast ausschliesslich testbare analytische Intelligenz produziert. Alle anderen Kompetenzen können zwar im Sinne von «Compromising» für Lehrende oder Verantwortliche auch wichtig sein, sie werden aber von Noten permanent bedroht und in den Hintergrund gestellt


Bezüge zu Hartmut Rosa: Situation und Konstellation

In der Diskussion zur Rezension von Nguyen haben viele auf Hartmut Rosas Arbeit Situation und Konstellation hingewiesen. Ich habe mich eingelesen und möchte noch folgende Gedanken anhängen:

Rosa unterscheidet zwischen Situationen (echte Begegnung, Resonanzmoment) und Konstellationen (strukturelle Anordnung, die Begegnung vordeterminiert). Noten erzeugen eine Konstellation, die verhindert, dass echte Situationen entstehen: Wenn Schüler:innen und Lehrende wissen, dass am Ende eine Zahl steht, verändert das die gesamte Qualität der Beziehung. Der Lernraum wird zur Arena, nicht zum Resonanzraum.

Für Rosa ist Verdinglichung das Gegenteil von Resonanz: Der andere erscheint als Objekt, das zu handhaben ist. Noten verdinglichen: Schüler:innen sind ein Notenwert, die Lehrperson Produzent:in von Bewertungen. Nguyens Value Capture beschreibt denselben Prozess von innen: Wie man aufhört, sich als lernendes Subjekt zu erleben.

Rosa beschreibt, wie Beschleunigung verlangt, dass Welt in handhabbare Einheiten aufgeteilt wird. Noten sind genau das: die schulische Form der Beschleunigung. Sie erlauben schnelles, kontextfreies Urteil. Rosa würde sagen: Sie verhindern das «Weltbeziehungsverhältnis», das Bildung eigentlich sein sollte.

Rosa betont die Bedeutung des Unverfügbaren – des Moments, der sich nicht planen, nicht messen, nicht steuern lässt. Gute Bildungserfahrungen haben diese Qualität. Noten sind der institutionelle Versuch, Unverfügbarkeit zu eliminieren. Nguyen und Rosa würden hier übereinstimmen: Was an Bildung wichtig ist, entzieht sich der Messung – und wird durch den Messversuch beschädigt.

Disclaimer: Ich habe an diesem Beitrag mit Claude gearbeitet, aber keine Formulierung direkt übernommen.

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