Wie können Noten ersetzt werden?

Heute zeige ich ausnahmsweise nur Antworten und Perspektive auf diese Frage, die Hendrik kürzlich gestellt hat.  

Noten haben verschiedene Funktionen. Das betrifft auch ihren Ersatz: Die Frage kann nur beantwortet werden, wenn man sich überlegt, welche Wirkung von Noten wie ersetzt werden kann. (Eine ausführlichere, vollständige Antwort auf die Frage findet sich im Buch von Björn und mir: Eine Schule ohne Noten.)

Antwort 1:
Abschaffen, nicht ersetzen.

Noten sind eine künstliche Bewertung der Aktivitäten von Lernenden. Menschen handeln: Weil sie dazu motiviert sind und weil ihr Handeln eine Wirkung erzeugt. Sie können ihre Handlungen mit ihren Motiven vergleichen, ihre Konsequenzen einschätzen und so zu Urteilen gelangen. Nie wäre es aber hilfreich, für eine Handlung eine Note zu bekommen. Niemand braucht Noten fürs Zähneputzen, Wäsche Waschen oder fürs Beantworten von E-Mails.

In dieser Hinsicht können Noten ersatzlos gestrichen werden. Sie führen eine unnötige Bürokratie und Symbolik ein, die vom Wesentlichen ablenkt: Dem Lernen.

Antwort 2:
Lerndialoge und echtes Feedback.

»Aber«, könnte man einwenden, »Noten geben Lernenden doch wichtige Hinweise darauf, wie sie ihren Lernprozess verbessern können.« Das Problem dabei ist ein dreifaches:

  1. Noten sind so limitiert, dass sie eigentlich keine Informationen mehr enthalten. Sie sind letztlich eine Zahl, die nichts übers Lernen sagt.
  2. Noten sind einseitig und hierarchisch, sie basieren auf einer Rollenverteilung, bei der Lehrende Noten geben (müssen), Lernende Noten erhalten (müssen). Die Verbesserung von Lernprozessen erfordert ein Gespräch, einen Dialog.
  3. Noten sind emotional besetzt, sie führen automatisch zu sozialen Vergleichen und zu Fragen des Selbstwerts (Noten werden als Bewertung einer Person, nicht als Bewertung einer Leistung empfunden).

Die Lösung ist einfach: Echte Gespräche übers Lernen (und auch über Leistungen) führen und Lernende beraten.

Das braucht Zeit – die im Schulalltag oft fehlt. Die Notenkrise ist deshalb nur ein Aspekt einer fundamentalen Bildungskrise, in der nötige Ressourcen fehlen: Zu schlecht bezahlte, zu stark gestresste, zu wenig gut ausgebildete Lehrpersonen müssen sich um zu viele Schüler*innen kümmern (je nach Land/Region oder Schulstufe sind diese Probleme größer oder kleiner,  ich kann mich z.B. nicht beschweren). Noten abzuschaffen führt nicht dazu, dass Zeit und Raum für gute Lerngespräche entsteht. Sie beizubehalten aber auch nicht.

Antwort 3:
Kompetenznachweise und -atteste.

»Die Aufgabe der Schule ist es, das Gelingen zu organisieren, nicht das Misslingen zu dokumentieren.« – Otto Herz

Noten lenken den Fokus zu oft auf das, was Schüler*innen nicht können. Ihre Fehler sind keine Lernchancen, sondern führen zu Abzügen und Nachteilen. Noten strafen und bedrohen – sie stellen nicht aus, was Schüler*innen können (oder nur selten). Geht es um diese Ebene, dann sollten Schüler*innen dazu gebracht werden, Kompetenzen nachzuweisen (und dann Atteste erhalten, dass sie bestimmte Kompetenzen erworben haben).

Kompetenznachweise können verschiedene Formen annehmen:

  1. Beliebig oft wiederholbare pass/fail-Tests mit klaren Anforderungsprofilen:
    Wer etwas kann, besteht und kriegt ein Attest; wer es noch nicht kann, muss weiter üben und kann den Test später noch mal absolvieren, um das Attest zu erlangen.
  2. Lernprodukte, die zeigen, was Schüler*innen können (und gemacht haben).
  3. Gemeinsames, soziales Kompetenzerleben: Eine Klasse freut sich, dass ihre Mitglieder bestimmte Dinge können und geben ihnen dafür Wertschätzung.
  4. Sammlung von Leistungsnachweisen in einem Portfolio, mit dem Lernende ausstellen, was sie gemacht haben. Sie sind befähigt, Interessierten zu zeigen, was sie können – und tun das im Rahmen von Präsentationen auch.

Antwort 4:
Seriöse Pädagogik statt Machtspiele.

Die Frage nach einem Ersatz von Noten erfolgt oft aus der Perspektive, dass Lehrende unsicher sind, ob Schüler*innen weiterhin für die Schule arbeiten, wenn Prüfungs- und Notendruck wegfallen. »Ihr müsst das machen, weil das an der Prüfung dann entscheidend ist«, ist ein Argument, das implizit oder explizit oft dazu dient, um Lernende zu »motivieren«. Diese müssen aber eigene Motivation finden, in sinnvoll gestalteten Lernumgebungen – nicht mit Druck dazu gebracht werden, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden und möchten. Lehrende können bestimmte Themen bewerben und anbieten, Kinder und Jugendliche überzeugen, dass es wichtig ist, sich damit zu beschäftigen – aber nicht, weil sie sonst durch schlechte Noten bestraft werden.

Der Ersatz auf dieser Ebene wäre also: Gute Methoden, mit denen Schüler*innen Interessen entwickeln und nachhaltige Arbeitsdisziplin finden können.

Antwort 5:
Selbstreflexion und soziale Einbettung.

Lernende sollten für ihre Lernprozesse nicht vom Urteil von Lehrpersonen abhängen, sondern ermächtigt werden, bewusst über ihr Lernen nachzudenken und es gezielt auszurichten und zu verbessern. Der Aspekt von Noten, der dazu dient, diese Selbstreflexion anzustoßen (»ich habe eine schlechte Note, weil ich nicht sinnvoll gelernt habe, etwas noch nicht gut genug kann«), muss durch bessere Indikatoren und Rituale rund um Wahrnehmung des eigenen Lernens und Wissen um erfolgreiche Lernprozesse ergänzt werden.

Dabei spielt der Austausch und die gemeinsame Praxis mit Mitlernenden eine entscheidende Rolle: Spüre ich, dass andere darauf angewiesen sind, dass ich bestimmte Dinge kann oder lerne, wird mir bewusst, worum es im Kern geht und weshalb ich diese Lernschritte unternehmen muss.

Fazit

Noten kürzen Prozesse unzulässig ab – sie verhindern Selbstreflexion, gute Pädagogik, Kompetenznachweise und Feedback. Gleichzeitig werden sie aber so wahrgenommen, als seien sie für diese Prozesse unerlässlich, was schlicht nicht stimmt. Menschen lernen ständig und sehr erfolgreich ohne Noten.

Noten sind ein Ausdruck vieler Probleme und Aporien des Schulsystems. Ihr Verschwinden allein löst nichts, aber es wird nur dann möglich, wenn sich vieles verbessert und verändert.

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