Warum pass/fail besser ist als Benotung
Die Funktion von Beurteilung in der Schule
Um das zu verstehen, müssen wir kurz analysieren, wann eine Beurteilung wirklich nötig ist:
- Bei Selektionsentscheidungen, die mit Prüfungsleistungen begründet werden – also z. B. wer zu einem Studiengang oder einer Schule zugelassen wird, wer in ein bestimmtes Leistungsniveau eingeteilt wird etc.
- Bei Zertifikaten, die ein bestimmtes Kompetenzlevel attestieren, aus denen sich also ableiten lässt, dass eine Person etwas kann.
- Bei Diagnostik, also bei der Information über den Lernstand einer Person.
Aus meiner Sicht lassen sich alle weiteren Funktionen von Noten auf diese drei reduzieren. Ihre Prognosefunktion, also die Voraussage darüber, was eine Person wohl in Zukunft lernen oder können wird, ist eine Mischung aus Selektionsentscheidung und Diagnostik.
Noten sind ungenau
Das Problem liegt nun darin, dass Noten notorisch ungenau sind. Das erkennt man, wenn man zwei Fachpersonen auffordert, ein Lernergebnis zu beurteilen, ohne sich absprechen zu können. Am deutlichsten wird das erstaunlicherweise bei Mathematikaufgaben, nicht bei Texten, wie viele denken würden. Wir könnten z. B. Mathematik-Lehrpersonen fragen, wie viele von 4 Punkten sie für diese Lösung der maschinengeschriebenen Aufgabe geben würden:

Selbstverständlich gibt es viele Techniken, mit denen man versucht, Noten genauer zu machen – sie führen aber zu problematischen Praktiken. Die Vergabe von Punkten bei Mathematikaufgaben wird scheinbar dadurch objektiviert, dass man in einer Musterlösung angibt, wie viele Punkte man für welchen Zwischenschritt erhält: Ist beispielsweise der Nenner korrekt gekürzt, könnte man sagen, dass man für einen zumindest gekürzten Bruch 2 von 4 Punkten erhält. Das ist aber irreführend, weil dann nicht mehr die mathematischen Kompetenzen von Schüler:innen bewertet werden, sondern ihre Lösungen mit Musterlösungen abgeglichen werden. Anders gesagt: Nicht diejenigen bekommen viele Punkte, die mathematische Einsichten gut anwenden können, sondern diejenigen, die Lösungen so schreiben, dass sie den Vorgaben entsprechen.
Noten wirken genau
Weil Noten Zahlenwerte sind, wirken sie viel genauer, als sie sind. Sie verhalten sich so, als würde jemand sich ohne Thermometer auf den Balkon stellen und verkünden: «Aktuell ist es hier 19,3 Grad warm.» Tatsächlich beträgt die Temperatur 16,2 Grad oder 21,5 Grad – nur lässt sich das nicht mehr erkennen. Wer die Aussage hört, denkt, die Person habe die Temperatur gemessen, und geht davon aus, dass 19,3 ein genauer Wert ist, was aber gar nicht stimmt.
Das ist die Erklärung, weshalb viele Menschen denken, Noten bei Mathematikprüfungen seien genauer als jene bei Aufsätzen. Das stimmt empirisch nicht: Weil sich diese Noten mit Zwischenpunkten und einer Skala errechnen lassen, wirken sie enorm genau – sind es aber nicht.
Björn und ich sprechen in unserem Buch deshalb davon, dass Noten «scheingenau» sind: Sie wirken genau, sind es aber nicht.
Ungenaue Noten und die Funktion schulischer Beurteilung
Eingangs habe ich dargestellt, weshalb Selektion, Zertifikate und Diagnostik die drei primären Funktionen von schulischer Beurteilung sind. Setzt man Noten dafür ein, werden oft schon ungenaue Noten zu Durchschnitten oder Summen verrechnet, die noch ungenauer werden. Deshalb ist die Kritik an «alternativen» Beurteilungssystemen mit Farben oder Symbolen für mich nicht nachvollziehbar – weil sie zumindest diese Verrechenbarkeit verhindern oder zumindest erschweren, was schon einen grossen Fortschritt gegenüber dem Status quo darstellt.
Entscheidungen und Rückmeldungen erfolgen dann auf der Basis von sehr problematischen Zahlen, die eigentlich keine Aussagekraft mehr haben. Man kann rein rechnerisch sagen, dass alle, die einen bestimmten Notenwert erreichen, eine Selektion schaffen oder ein Zertifikat erhalten. Das ist aber ein Trick, der lediglich Verantwortungsdiffusion ermöglicht: Die Qualität der Entscheidung sinkt massiv, wenn man so vorgeht, sie lässt sich nicht einmal mehr wirklich begründen (also argumentativ). Gerade das ist aber die Idee: Die eigentlich Verantwortlichen können sich hinter Zahlenwerten verstecken und darauf verweisen, dass es halt nicht gereicht habe, wie man ja den Zahlen entnehmen könne. Das hat aber mit dem Lernen und dem Kompetenzstand nichts mehr zu tun. (Absurderweise wird bei wichtigen Hochschulprüfungen nicht einmal mehr eine Einsicht in die Prüfungen gewährt, was dazu führt, dass die ungenauen Noten quasi eine magische Qualität erhalten, die alles entscheidet, ohne dass man nachvollziehen kann, wie es zu diesen Noten gekommen ist.)
Warum Pass/Fail besser ist
Wofür ich mich einsetze, ist eine massiv einfachere, aber informativere Lösung: Dort, wo Abschlüsse oder Selektion nötig sind, wird ein Pass/Fail-System eingesetzt, bei dem anschliessend sachlich begründet wird, warum jemand nicht bestanden hat. Wer sich einem solchen Entscheidungsverfahren stellen muss, hat das minimale Anrecht darauf zu erfahren, was er oder sie hätte besser machen müssen, um einen positiven Entscheid zu erhalten. Lehrende dürfen sich der Verantwortung nicht entziehen, solche Entscheide zu fällen und sie auch zu begründen. Eine Gesellschaft, in der sich Menschen hinter Zahlen verstecken, um nicht entscheiden oder argumentieren zu müssen, hat massive Probleme. Man stelle sich ein Gerichtsverfahren vor, bei dem zum Schluss eine Zahl präsentiert wird, die scheinbar darüber entscheidet, ob jemand Recht bekommt oder nicht.
Bei der Diagnostik braucht es kein Pass/Fail. Denkbar wäre aber als Minimalinformation an Lernende (und evtl. ihre Eltern): «Aktuell läuft es gut» oder «Im Moment gibt es einige Schwierigkeiten, an denen wir arbeiten müssen.» Sobald es dann jemand genauer wissen will, muss man über Kompetenzen und Kompetenznachweise sprechen. Noten helfen da nicht.
Die Psychologie von Noten
Notenwerte führen zu Vergleichen mit anderen und einem problematischen Umgang mit eigenen Zielen. Da Noten oft versteckte Sozialnormen enthalten, sind die Zufriedenheit mit Noten und die eigene Zielerreichung stark davon abhängig, welche Noten andere bekommen. Lernende bekommen oft wohlmeinende Ratschläge, wie sie mit einem eigentlich absurden System umgehen sollen. Während viele Menschen wissen, dass es nicht gut ist, wenn junge Menschen die Zahl der Likes auf Instagram vergleichen, sind weiterhin viele Menschen davon überzeugt, es sei irgendwie vertretbar, Schüler:innen die Noten von Mathe-Prüfungen vergleichen zu lassen. Nein, ist es nicht. Es ist weder sinnvoll noch nötig.
Der Aufwand
Ist ein Pass/Fail-System mit mehr Aufwand für Lehrende verbunden? Kommt darauf an. Wenn es darum geht, Feedback zu geben und Entscheidungen zu begründen, wohl schon. Hier müssen Schulen Strukturen schaffen, die Lehrpersonen diesen Aufwand ermöglichen, weil so die Qualität des Lernens steigt. In vielen anderen Bereichen können Pass/Fail-Systeme aber einfacher wirken.