Notenbandbreiten – welche Probleme lösen sie (nicht)?
In der Praxis sind Noten erstaunlich ungenau. Sie entziehen sich permanent einer Normierung. Nur mit sehr hohem regulatorischem und disziplinarischem Aufwand können Institutionen sicherstellen, dass Noten auch nur ansatzweise vergleichbar bleiben. Warum ist das so?
- Noten funktionieren in unterschiedlichen Fach- und Lernkulturen sehr unterschiedlich, weil sie dort auch unterschiedliche Bedeutungen tragen. Jede Note unterhalb der Bestnote kann theoretisch eine «schlechte» Note sein – in dem Sinn, dass sie ausdrückt, dass jemand die Erwartungen nicht erfüllt hat oder tiefer beurteilt wird als andere in derselben Situation.
- Noten sind Teil pädagogischer Beziehungsarbeit. Eine gute Note kann Vertrauen und Motivation aufbauen, eine schlechte kann die Zusammenarbeit belasten. Je enger und empathischer Lehrende und Lernende zusammenarbeiten, desto schwieriger wird es, schlechte Noten zu verteilen.
- Noten sind eine maximal einfache Erfassung sehr komplexer Leistungen. Sobald man dieselbe Leistung aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, muss man sie anders bewerten.
- Noten darf man nicht zu Durchschnitten verrechnen – bei mehreren Teil- oder Zwischennoten ist notorisch unklar, wie daraus eine Gesamtnote entstehen soll. Wie geht man mit einmaligen Ausreissern um, wie mit einer starken Leistungssteigerung?
- Zusammengefasst: Schulnoten werden nicht allein von kriterialen Normen bestimmt, die etwa festlegen könnten, welche Kompetenzen für ein bestimmtes Notenniveau nachgewiesen werden müssen. Vielmehr spielen auch Individual- und Sozialnormen eine Rolle – also die Frage, wie sich eine Person verhält und entwickelt bzw. wie eine Gruppe performt. Wie kriteriale, individuelle und soziale Perspektiven gewichtet werden, interpretiert jede Lehrperson anders.
Kurz gefasst: Was Noten betrifft, gibt es strengere und wohlwollendere Lehrpersonen. Das lässt sich leicht erkennen, wenn man etwa die Klassendurchschnitte aller Klassen vergleicht (diese Durchschnitte darf man berechnen :) ). Bekommt nun eine Klasse viele strenge und eine andere viele wohlwollende Lehrpersonen zugeteilt, wird es für die Schüler:innen der ersten Klasse schwieriger, die Anforderungen zu erfüllen. Sobald Schulen Selektionsprozesse einsetzen, haben Schüler:innen mit strengen Lehrpersonen mehr Mühe, diese Hürden zu überwinden.
Eine Lösung für dieses Problem, die an Gymnasien in der Schweiz angewendet wird, sind Notenbandbreiten. Sie geben Lehrpersonen vor, in welchem Bereich ihre Klassendurchschnitte liegen müssen. Im Kanton Zürich sieht das an den Schulen, die Notenbandbreiten einsetzen, so aus (Note 1 ist die schlechteste, 6 die beste, 4 ist genügend):

Man sieht: Die Notenschnitte der Lehrpersonen dürfen meist nicht tiefer als 4.0 oder 4.2 liegen – und nicht höher als 4.6 oder 4.8.
Was passiert, wenn Schulen solche Vorgaben machen?
- Das hängt davon ab, wie streng sie diese durchsetzen. Einige Lehrpersonen werden dagegen verstossen, weil ihre Notenvorstellungen, ihre Beziehung zu den Klassen, die Prüfungsergebnisse der Schüler:innen oder … es ihnen nicht erlauben, die Bandbreite einzuhalten. Bleiben Schulleitungen hart, werden sich fast alle Lehrpersonen fügen – pochen Schulleitungen nicht darauf, haben die Bandbreiten den Status einer Empfehlung.
- Lehrpersonen werden Wege suchen, die Bandbreiten einzuhalten: Sie bewerten Prüfungen besser oder schlechter, als sie es eigentlich täten, oder sie setzen zusätzliche harte oder milde Leistungsnachweise an.
- Schüler:innen in sehr starken Klassen erhalten in einigen Fächern tiefere Noten, als sie in anderen Klassen erhalten würden (und in sehr schwachen Klassen möglicherweise bessere). Faktisch ergibt sich so eine Sozialnorm.
In meinem Kanton, dem Kanton Zürich, hat der Bildungsrat offenbar entschieden, dass Notenbandbreiten nicht mehr zulässig sind. (Historisch ist es erstaunlich, dass Schulen – wie oben abgebildet – unterschiedliche Bandbreiten eingesetzt haben.) Das lässt sich aufgrund der hier dargestellten Überlegungen nachvollziehen. Gleichzeitig führt es dazu, dass Selektionsentscheide an den Schulen wohl weiterhin sehr unterschiedlich gefällt werden. Wie die folgende Tabelle zeigt, gibt es mehrere Schulen, an denen über 10% der Schüler:innen die sogenannte Probezeit im ersten Semester des Gymnasiums nicht bestehen, während dieser Anteil an anderen Schulen unter 1% liegt.

Nun sind aber Lehrpersonen, Schulen und auch Schüler:innen auf ganz vielen Ebenen unterschiedlich. In einer so komplexen Ausgangslage normieren zu wollen, ist schwierig – konsequent zu Ende gedacht würde es standardisierte Vergleichsprüfungen bedeuten, welche die Unterrichts- und Lernqualität massiv beeinträchtigen würden, wie man etwa aus der gut untersuchten Testpraxis der USA weiss. Heterogenität muss als Grundlage der gymnasialen Lernkultur akzeptiert werden – aber ihre Auswirkungen dürfen für Schüler:innen nicht negativ sein.
Mein Vorschlag wäre einfach: weg von Noten, hin zu Kompetenzrastern und echten Lernzielen. Wer die Lernziele in einem Fach erreicht, besteht – wer nicht, besteht das Fach nicht. Pro Semester darf man ein Fach nicht bestehen, aber nie zwei Semester hintereinander dasselbe Fach. Das reicht als Normierung, Lehrpersonen müssten sich genau überlegen, was Schüler:innen in einem Semester lernen sollten und Diagnose soweit einsetzen, dass sie beurteilen können, ob Schüler:innen die nötigen Kompetenzen nachgewiesen haben. Eine Zahl reicht nicht mehr.