Allokation/Selektion ohne Noten

Wollte man tatsächlich den Schulnoten ihren Schrecken nehmen, müsste man die selektive Struktur des Systems antasten.

Diese elementare Einsicht von Winfried Kronig (S. 31) hat folgende Konsequenz:

Die gegenwärtige Praxis der Leistungsbeurteilung ist für das System funktional und organisatorisch sinnvoll. Sie erfüllt das Bedürfnis der Verwaltung und Lenkung von immer wieder neuen Schülerströmen in regional unterschiedlich ausgestaltete Strukturen. Dies zwingt die Schule dazu, die leistungsgerechte No-tenvergabe eher zu inszenieren, als sich nach ihr zu richten. Die Schule kann gar nicht anders, als den von ihr gefällten Notenentscheidungen eine rituelle Glaubwürdigkeit zu verleihen, wenn sie nicht selbst unglaubwürdig werden will.

Kurz: Weil Schulen Selektionsentscheidungen treffen müssen, inszenieren sie eine Leistungsbeurteilung, obwohl wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen ist, dass Schulen Leistung nicht fair bewerten können. Alle Probleme der Notengebung hängen vom Problem der Selektion ab.

Nun lässt sich daran mittelfristig wenig ändern, dass der Schule politisch und gesellschaftlich die Aufgabe zugewiesen wurde, Kinder und Jugendliche hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft einzuteilen. Nehmen wir also im Folgenden an, die Schule müsste weiterhin Selektion und Allokation betreiben (auch wenn es besser wäre, die Schule könnte sich aufs Lernen fokussieren).

Gibt es dann einen konkreten Vorschlag, wie das ohne Leistungsbeurteilung bzw. Noten geschehen könnte?

Ja, den gibt es. Er besteht aus zwei Komponenten:

  1. Qualifikation
    Für Ausbildungsgänge oder Berufe werden kompetenzorientierte Anforderungsprofile erschaffen.
    Wer Anglizistik studieren will, muss Englisch auf Niveau B2 beherrschen.
    Wer einen kaufmännischen Beruf lernen will, muss mit Zahlen auf diese Weise so gut umgehen können.
    --> Die Schulen attestieren Lernenden diese Qualifikationen, wenn sie vorliegen. Wer die Anforderungen erfüllt, erhält dafür eine Bestätigung.
  2. Wahl, Auswahl oder Losentscheid
    Wer ein Anforderungsprofil erfüllt, kann einen Ausbildungsgang oder einen Beruf wählen. Gibt es zu wenige Plätze, dann gibt es entweder eine Auswahl durch die Verantwortlichen (wie bei einer Stellenvergabe) oder einen Losentscheid. Immer wenn Schulen entscheiden müssen oder es um staatliche Angeboten mit beschränkter Platzanzahl geht, findet eine Auslosung statt.
    Das ist fairer als eine meritokratische Vergabe mit Leistungsbeurteilung, weil diese durch so viele Faktoren verzerrt ist, dass nicht eine tatsächliche Leistung entscheidet, sondern die Störungen ihrer Beurteilung. Mehr noch: Das Losverfahren macht transparent, dass es nicht für allen Qualifizierten möglich ist, ein Angebot wahrzunehmen. Das entlastet auch die Schulen, die sonst eine Konkurrenzsituation unter Lernenden schaffen und legitimieren müssen, die schlicht vom Lernen ablenkt.

Der entscheidende Punkt ist der: Sobald mit scheingenauen Noten eine Reihenfolge in einer Gruppe Lernender erzeugt wird, ist es möglich, Selektion als meritokratisch zu verkaufen. Man kann die »besten« x% auswählen und behaupten, diese hätten sich qualifiziert – obwohl gar keine Qualifikation stattfand. Dadurch wird erstens unklar, worauf sich Qualifikation überhaupt bezieht – und zweitens verschleiert, dass bestimmte Angebote einfach künstlich bzw. wirtschaftlich verknappt werden.

Eine leistungsorientierte Schule ermöglicht so vielen Lernenden wie möglich, Kompetenzen zu erlangen. Im besten Falle können alle Schüler*innen das, was sie können sollten. Für dieses Ideal sollten wir eintreten.

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