Der Stempel & Lose statt Noten?

Die These: Selektion besser über Losentscheid als über Noten?

Wenn Studien- oder Schulplätze über Noten verteilt werden, dann suggeriert das eine Art Leistungsnorm: Die Plätze sollen meritokratisch an die vergeben werden, welche sie verdient haben.

Nur passiert das nicht. Die meritokratische Vorstellung ist in Bezug auf Noten deshalb falsch, weil

  1. Noten keine Leistungen messen können: Sie messen allenfalls Fähigkeiten, bestimmte Aufgaben lösen zu können – und auch das bestenfalls enorm ungenau.
  2. Noten benutzt werden, um Prognosen über den Verlauf zukünftiger Lernprozesse abzugeben. Dazu sind sie schlicht nicht geeignet (es gibt kein gutes Mittel, um vorauszusagen, wie jemand später lernen wird).
  3. Ungerechtigkeiten verstärkt werden: Die erste Ungerechtigkeit besteht darin, dass es nicht genügend Plätze für alle Lernenden gibt, die sie beanspruchen möchten. Die Beschränkung ist nicht fair und nicht nötig: Eine gerechte Gesellschaft würde allen, die wollen, einen Studienplatz zur Verfügung stellen. Noten werden hier benutzt, um die willkürliche Verknappung zu überdecken – Menschen sehen nicht mehr, dass sie unfair behandelt werden, sondern akzeptieren es, weil ja alle eine Chance hätten, mit entsprechenden Noten die Plätze zu beanspruchen. Nur: Gute Noten erhalten in der Regel die, welche gefördert werden. Das ist die zweite Ungerechtigkeit – Noten verstärken und duplizieren bereits bestehende Benachteiligungen.

Was wäre die Lösung? Die Lösung wäre eine Lotterie. Michael Sandel schlägt das in seinem Buch über Meritokratie als Lösung für US-Colleges vor. Wenn Plätze vergeben werden, erhalten alle Qualifizierten ein Los. Sollen bestimmte Gruppen bewusst bevorzugt werden, erhalten Mitglieder mehrere Lose. Wählt der Zufall aus, wer Plätze erhält, dann verlieren diese Plätze ihren meritokratischen Mythos und es wird möglich, die hinter der Beschränkung stehenden Ungerechtigkeiten zu adressieren (und zu ändern).

Sandels Fazit:

It would also meritocratic hubris, by making clear what is true in any case, that those who land on top do not make it on their own but owe their good fortune to family circumstance and native gifts that are morally akin to the luck of the draw.

Der Stempel: Wie Noten relativiert werden können

Caroline Münch hat einen Stempel herstellen lassen, mit dem Noten relativiert werden können. Hier könnt ihr nachlesen, wie er entstanden ist.

Der Text: Eine Debatte

Mein Co-Autor Björn Nölte

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