Noten als Machtsystem – was sich verschiebt, wenn sie ihre Bedeutung verlieren

Meine Schüler:innen wissen, dass ich nicht an Noten glaube. Ich setze im Unterricht keine Noten mehr ein und erwähne immer wieder, dass Noten keine Aussagekraft haben.

Damit verändere ich die Machtstruktur von Unterricht. In meinem Reclam-Band »Macht im Netz« erkläre ich Macht wie folgt:

Das Wirken der Macht ist also von dem Verhalten aller Beteiligten abhängig: Ob Macht ausgeübt werden kann, ist auch dadurch bedingt, wie die Betroffenen mit ihr umgehen. Die Machthabenden sind nur in ihrer Position, weil sich jemand ihnen unterwirft. Eine Lehrkraft kann im Kollektiv der Institution Schule starke Macht ausüben; aber auch von einer Klasse tyrannisiert werden, welche sich der Macht nicht beugt. Das Machtverhältnis ist entsprechend dialektisch: Damit Kollektive Macht ausüben können, müssen andere Kollektive diese Macht gewähren.

Der Verzicht auf Noten führt nicht zu weniger Macht – er verschiebt Machtverhältnisse eher. Als Lehrer verfüge ich weiterhin über viele Machtinstrumente, ich organisiere den Raum, verteile Rederechte, kontrolliere Anwesenheit, bestimme über die Nutzung der relevanten Medien, kann stehen, während die Schüler:innen sitzen etc.

In meiner Erfahrung sind drei Aspekte bei der Verschiebung von Macht relevant, wenn wir über Ungrading nachdenken:

  1. Die Wahrnehmung der Schüler:innen durch die Lehrperson wird differenzierter, aber auch diffuser. Schüler:innen können im traditionellen Schulsystem davon ausgehen, mit guten Noten einen guten Eindruck zu machen (teilweise auch dann, wenn sie sich sonst nicht so verhalten, wie Lehrpersonen sich das wünschen); eine entsprechende Zahl hat ihnen (und ihren Eltern) klar gemacht, dass soweit alles in Ordnung ist, dass sie ihre Rolle so erfüllen, wie das erwartet wird.
    Ohne Noten entfällt eine explizite Einschätzung, Schüler:innen sind darauf angewiesen, die Wahrnehmung von Lehrpersonen anders zu rekonstruieren, wenn ihnen daran gelegen ist, gut anzukommen.
  2. Noten etablieren eine wichtige Rangordnung in der Klasse (neben anderen Rangordnungen). Guten Schüler:innen ist es oft wichtig, besser als andere zu sein, entweder für ihre Intelligenz oder ihren Fleiss mit Status belohnt zu werden. Damit können auch andere Zurücksetzungen kompensiert werden (uncoole Schüler:innen können gute Noten haben und damit zeigen, dass sie eigentlich mehr Wert sind als die coolen Schüler:innen, weil Noten auch eine Art Prognose darstellen). Wenn Lehrpersonen diese Rangordnung nicht mehr etablieren, fehlt eine wichtige Orientierung.
  3. Noten geben auch Schüler:innen Macht, weil sie über die Korrektheit der Prüfungen überprüfen können, ob eine Lehrperson ihren Job richtig macht. Falsch korrigierte oder bewertete Arbeiten können ein Anlass sein, um sich bei der Schulleitung oder den Eltern über eine Lehrperson zu beklagen; sie sind der Beweis, dass eine zentrale Aufgabe nicht gut erfüllt worden ist. Noten sind so wichtig, dass an diesem Punkt kein Fehlverhalten toleriert werden kann.

Verlieren Noten ihre Bedeutung, dann müssen diese Bereiche neu ausgehandelt werden. Die zentrale Einsicht bei Machtverhältnissen ist ja die, dass Macht nicht wegfallen kann, sie verschiebt sich. Wie sie sich bei Ungrading verschiebt, muss jede Klasse neu aushandeln. Viele Lehrpersonen verzichten auf Noten auch deshalb, weil sie die Rangordnung in der Klasse gerade nicht über Noten vornehmen wollen und weil sie nicht den Eindruck erwecken wollen, Noten würden den Wert einer Person ausdrücken. Solange diese Erwartung aber noch besteht, stellt sich bei einer Verschiebung die Frage, wie denn die Rangordnung in der Klasse aussieht bzw. wie Personen eingeschätzt werden. Darauf gibt es keine einfachen Antworten.

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