Wie Beurteilung die Leistungsbereitschaft von Schüler:innen senkt

In den letzten Wochen habe ich begonnen, mit einer neuen Klasse zu arbeiten. Die Schüler:innen sind ca. 14 Jahre alt. Einige von ihnen war schon vor auf dem Gymnasium, andere haben gerade erst damit begonnen. Die Klasse arbeitet im Deutschunterricht mit Heften – die grundsätzliche Erwartung von mir besteht darin, dass Schüler:innen darin eigene Denkwege dokumentieren und ich mit ihnen über die Spuren in ihrem Heft in einen Dialog treten kann.

Ich beurteile in meinen Klassen während des Semesters nicht mit Noten – auch nicht in der Probezeit. Die Hefteinträge führen also weder zu Punkten noch zu einer Beurteilung, sie sind lediglich dazu da, dass Schüler:innen bestimmte Kompetenzen von einem Kompetenzraster dokumentieren können. Das bedeutet, dass ich die Hefteinträge einfach mit Rückmeldungen quittiere, ohne quantifizierbare Bewertung. Sobald die Schüler:innen das verstehen, werden ihre Einträge besser: Mutiger, länger, eigenständiger.

Solange sie das Gefühl haben, ich würde ihnen eine Note geben, versuchen sie eine Musterlösung zu treffen, die ich formuliert haben könnte. Sie geben schematische Antworten, die einem Rezept folgen (z.B.: Ist ein Gedicht gereimt?), statt ihren Wahrnehmungen zu vertrauen. Sie schlagen vieles mit KI oder Google nach, fragen andere Personen, statt selber zu denken. Sobald sie den Eindruck habe, die Antwort müsste eigentlich genügen, brechen sie den Aufwand ab.

Die Aufforderung, so ins Heft zu schreiben, dass es für mich interessant ist, dass ich darauf sinnvoll reagieren kann, führt so zu deutlich besseren Leistungen der Schüler:innen, als sie erbringen würde, wenn ich sie mit klassischen Prüfungsfragen bewerten würde.

Warum ist das so? Beurteilungen senken Leistungen aus mehreren Gründen:

  1. Noten schwächen die Motivation von Lernenden – wie alle externen Anreize. Schüler:innen scheinen zuerst die Belohnungen anzuspringen, leisten dann aber immer weniger, als sie von sich aus leisten könnten. Der Anreiz ist nie so stark wie die Motivation es wäre. In unserem Buch sprechen Björn und ich vom Delfinarium-Effekt – weil er auch Delfine betrifft.
  2. Beurteilungen normieren Leistung: Für bestimmte Antworten gibt eine ausreichende Anzahl an Punkten, für andere die maximale Antwort. Über diese Vorgaben hinaus ist gar nichts denkbar. Schüler:innen haben keine Anreize, noch eine Skizze anzufertigen, ein Buch zum Thema zu lesen, sich eine eigene Frage zu überlegen. Sie können Leistung nur in einem ganz eingeschränkten Spektrum überhaupt erbringen.
  3. Beurteilungen setzen schlechte Aufgaben voraus: Fast alle echten oder schwierigen Probleme erfordern für eine sinnvolle Bearbeitung differenzierte und kritische Denkleistungen, mehrere Perspektiven, Kooperation, kreative Zugänge sowie eine ausgefeilte Fehlerkultur. Prüfungsaufgaben werden so formuliert, dass das alles gar nicht möglich, ja gar unerwünscht ist. Übrig bleiben Aufgaben, deren Lösung die Lehrperson schon kennt, bei denen es meist einen oder zwei richtige Wege zur Lösung gibt und viele falsche. Fehler sind unerwünscht, sie werden bestraft, wer eine andere Perspektive einnimmt oder die Aufgabe kritisch reflektiert, erhält 0 Punkte.
  4. Beurteilungen schaffen Anreize für Bullshit. «Warum hast du das hingeschrieben, das ergibt doch gar keinen Sinn?» – «Ja, weiss ich schon, aber ich dachte, das gibt vielleicht noch einen Teilpunkt.» So denken viele Schüler:innen, wenn sie geprüft werden. Der Druck von Beurteilungen führt dazu, dass Menschen sich verstellen, dass sie Dinge sagen und schreiben, von denen sie selbst nicht überzeugt sind. Solche Formulierungen dienen niemandem – weder denen, die sie hervorbringen, noch denen, die sie korrigieren müssen.

Wir leben in Zeiten, in denen Politiker:innen Schulen mehr Prüfungen und Noten vorschreiben. Das ist gefährlich, weil das letztlich ein Weg ist, wie Schulen weniger leistungsfähig werden. Paradoxerweise geschieht das oft aufgrund der Vorstellung, dass nur Beurteilungen zu Leistung führen könnten. Das Gegenteil ist der Fall.

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