Bildung ist ein Recht, keine beschränkte Ressource – warum das Lob auf das duale Bildungssystem zweischneidig ist

Christoph Schmitt hat kürzlich in einem lesenswerten Beitrag die Argumente kritisiert, mit denen Noten verteidigt werden. Zum Argument, Noten seien nötig, weil sie Selektion ermöglichen, schreibt er:

An dieser Stelle wechselt die Verteidigung den Boden. Sie argumentiert nicht mehr, dass Noten messen, was sie zu messen vorgeben. Sie argumentiert, dass die Institution zu Stichtagen entscheiden muss, dass Studienplätze und Ausbildungsplätze begrenzt sind, dass irgendein Verfahren nötig ist und ein unvollkommenes besser sei als keines.
Diese Entgegnung ist die ehrlichste der Reihe, und sie ist nicht zu widerlegen. Sie trifft zu.
Nur gibt sie die Ausgangsbehauptung preis. Verteidigt wird jetzt nur noch die Notwendigkeit der Zuweisung, nicht mehr die Aussagekraft der Note. Das sind zwei verschiedene Aussagen, und die Notenlegitimation lebt davon, dass sie miteinander verwechselt werden.

Zusammengefasst: Eine der wesentlichen Funktionen von Noten besteht darin, die Zuweisung knapper Bildungsressourcen zu legitimieren. Wer Zugang zu Bildung erhält und wer nicht, wird mit Noten begründet. Das ist funktional, weil es den Anschein erweckt, die Begünstigten hätten sich diesen Zugang verdient.

Das lässt sich auch ökonomisch fassen: Besucht eine Schülerin in der Schweiz ein Langzeitgymnasium, kostet das den Staat bis zum Abschluss der Sekundarstufe II im Durchschnitt 350'000 Franken. Absolviert dieselbe Schülerin nach der Sekundarstufe I stattdessen eine Lehre, sinkt dieser Betrag auf 125'000 Franken – wie ich für einen Artikel in der Republik berechnet habe. Jede Selektion, die den Zugang zum Gymnasium beschränkt, spart dem Staat also bares Geld. Das allein erklärt bereits einen guten Teil der Hartnäckigkeit, mit der ein Selektionsinstrument wie die Note verteidigt wird.

An dieser Stelle sind zwei Missverständnisse auszuräumen, weil sie genau dieses System normalisieren, obwohl es alles andere als selbstverständlich ist:

  1. Noten vergeben diese Plätze nicht an jene, die sie verdient haben. Sie messen nicht die Leistung von Schüler:innen – das lässt sich bei Schmitt und praktisch allen nachlesen, die sich wissenschaftlich damit befasst haben. Noten sind ungenau, systematisch verzerrt und erfassen viele Faktoren – etwa familiären Hintergrund, Herkunftssprache oder Geschlecht der beurteilenden Lehrperson gegenüber –, die mit aktueller oder künftiger Leistungsfähigkeit nichts zu tun haben.
  2. Der Staat muss bei der Bildung nicht sparen. Dass Bildungsplätze knapp gehalten werden, ist ein politischer Entscheid, keine Notwendigkeit. Das zeigt der Blick über die Grenze: In etlichen Nachbarländern der Schweiz können deutlich mehr Jugendliche ein Gymnasium besuchen. Es zeigt sich aber auch innerhalb der Schweiz selbst: Im Kanton Tessin liegt die gesamte Maturitätsquote bei über 50 Prozent – deutlich über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt von rund 43 Prozent. Wenn ein Kanton das schafft, ist die Knappheit anderswo keine Naturgesetzlichkeit, sondern eine Wahl.

Das Lob der dualen Berufsbildung, das gerade auch von Akademiker:innen immer wieder vorgebracht wird, ist deshalb nie nur ein Lob. Es ist zugleich ein Bekenntnis zur Normalisierung von Selektion und zu tiefen Bildungskosten für den Staat. Das hat Folgen: Aktuell läuft in der Schweiz eine Kampagne zur Erhöhung von Studiengebühren, die bereits erste Erfolge verzeichnet. Besonders die NZZ setzt derzeit alles daran, Studiengänge zu privatisieren. Setzt sich diese Kampagne durch, erhalten künftig nur noch jene Zugang zu einer Hochschule, die es sich leisten können – nach US-amerikanischem Vorbild.

Wird ein System immer wieder dafür gelobt, dass es die Bildungskosten tief hält, indem es Jugendlichen den Zugang zu bestimmten Bildungsangeboten verwehrt, dann läuft dieses System Gefahr, sich auch auf andere Bereiche auszudehnen. Schon jetzt werden Weiterbildungen je nach Branche sehr unterschiedlich finanziert. Der Mythos, das Schweizer Bildungssystem sei durchlässig und stünden einem auch nach einer Berufslehre alle Möglichkeiten offen, ist nur für jene wahr, die über genügend Geld verfügen. Für alle anderen führen diese Ausschlüsse dazu, dass sie weniger Bildung beanspruchen können, als sie gerne würden.

Nötig ist deshalb ein Paradigmenwechsel im Denken: Bildung ist ein Recht und nichts, was man sich verdienen muss – genau wie Nahrung, Wohnung oder Gesundheitsversorgung. Die Vorstellung, bestimmte Schultypen seien nur für genügend talentierte Menschen gemacht, ist in sich schon widersprüchlich: Auch gymnasiale Bildung lässt sich individualisieren und dadurch problemlos öffnen, wie zahlreiche Kantone bereits gezeigt haben. Viele Menschen im Bildungssystem neigen dennoch dazu, unnötige Ausschlüsse und Sparbemühungen zu normalisieren. Sie behandeln Bildung damit nicht als Recht, sondern als knappe Ressource – was sie nicht ist.

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