Punkte in eine Notenskala umrechnen

Wenig macht die Willkür schulischer Notengebung so deutlich wie die Festlegung einer Notenskala. Wir nehmen an, Schüler:innen haben eine Arbeit abgegeben oder eine Prüfung geschrieben – die Lehrperson hat dafür Punkte verteilt (was wiederum oft willkürlich geschieht).

Nun muss festgelegt werden, wie diese Punkte einer Note zugeteilt werden. Grundsätzlich könnte man von einer linearen Verteilung ausgehen – je mehr Punkte, desto besser die Note.

Nur: Vielleicht kann man die beste Note schon mit etwas weniger Punkten erreichen, als maximal zu erzielen sind (blaue Darstellung). Oder vielleicht sind einige Punkte so einfach zu erhalten, dass dadurch noch keine Leistung erkennbar wird (etwas beim Raten bei Multiple-Choice-Aufgaben) – das führt zur grünen Linie.

Oder vielleicht können wir genau bestimmen, was die «Minimalanforderung» ist bei der Prüfung und entsprechend eine Punktzahl einer genügenden Note zuweisen – dann ist unsere Gerade geknickt und für die guten und schlechten Noten unterschiedlich steil.

Wir sehen: Schon diese rudimentäre Betrachtung fordert Lehrpersonen eine Reihe von Entscheidungen ab, die sich nicht logisch aus den Daten ableiten lassen, sondern in jedem Fall auch anders ausfallen könnten.

  • Was ist die «Mindestanforderung»?
  • Mit wie vielen Punkten sollte die Bestnote erreicht werden können?
  • Wie viele Punkte braucht man, um eine überhaupt erkennbare Leistung zu erbringen?

Es gibt viel mehr Entscheidungen: Einige Lehrpersonen vergeben gar keine sehr tiefen Noten, weil die pädagogisch verheerend wirken. Andere wollen sehr gute Noten nur zurückhaltend vergeben. Weitere orientieren sich an Vorgaben zum Mittelwert, welche diese Skalen weiter beeinflussen.

Kurz: Gib mir eine Punkteverteilung, und ich kann dir 10 Notenskalen erzeugen, die alle genau gleich gut (oder schlecht) sind.

Das zeigt auch die Fachliteratur. Edelsbrunner, Hofer und Schalk geben etwa Reihe von Kriterien an, welche diese Festlegung einer Skala beeinflussen:

  1. die «Mindestanforderung» 
  2. rechtliche Vorgaben zur Skala
  3. die Bezugsnorm
  4. eine möglichst geringe Anzahl von Entscheidungen der Lehrperson
  5. die Möglichkeit, mit Noten «differenzieren» zu können
  6. die Motivation der Lernenden.

Sie beschreiben all diese Kriterien und halten am Schluss ihres Kapitels fest, die Lehrperson müsse mit der Skala «zufrieden» sein. Eine Anleitung, wie sie dabei vorgehen soll, können sie nicht formulieren – zu viele Faktoren wirken auf diese Entscheidungen ein.

Dieser Aspekt der Notengebung zeigt deutlich, wie scheingenau Noten sind. Wir Lehrpersonen agieren mit Skalen und Formeln, legen Funktionen fest und berechnen Noten auf Nachkommastellen – alles ausgehend von willkürlichen Festlegungen, die genau so gut ganz anders vorgenommen werden könnten.

Besonders deutlich wird das, wenn mit Noten Einteilungsentscheide gefällt werden müssen, z.B. wenn Schüler:innen mit schlechten Noten verpflichtet werden, Zusatzkurse zu besuchen. Hier wird schnell sichtbar, dass Noten dabei nicht helfen, sondern unsichtbar machen, welche Annahmen und Entscheidungen hinter den Zahlen stehen.

Wer sich das so überlegt, sollte aus meiner Sicht zum Schluss kommen: Es reicht, Schüler:innen Feedback zu geben und notwendige Entscheidungen zu fällen und zu verantworten. Sie mit Noten zu berechnen, ist willkürlich und damit unfair.

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