Müssen Prüfungsaufgaben schwieriger sein als Übungsaufgaben

An vielen Primarschulen im Kanton Zürich werden Lernzielkontrollen von ZKM eingesetzt. Diese Lernzielkontrollen haben eine doppelte Funktion: Sie werden Schüler:innen vor Prüfungen ausgeteilt, damit sie sich vorbereiten können – und sie sind die Prüfungen selbst.

Vorbereitungen und Prüfungen sehen identisch aus, wie z.B. unten abgebildet. Der Unterschied liegt einzig in den Zahlen – die Aufgaben an der Prüfung funktionieren genau gleich wie die Aufgaben, mit denen sich Schüler:innen vorbereiten. Sie können die Ergebnisse nicht übertragen, sondern müssen die Aufgaben noch einmal neu lösen.

Im ZKM-Modell sind die Übungsaufgaben und die Prüfungsaufgaben identisch, entsprechend ist also auch die Schwierigkeit vergleichbar, zumal die Schüler:innen auch genau wissen, wie viel Zeit ihnen für diese Aufgaben zur Verfügung stehen. Schematisch dargestellt sieht der Vergleich also so aus:

Das ist zumindest die Theorie. Realistisch ist eher folgende Darstellung, die Berücksichtigt, dass man beim Üben auch mal Pause machen kann, andere Lernende oder die Lehrperson bei Verständnisschwiergikeiten etwas fragen kann – und ganz grundsätzlich nicht aufgeregt ist. Die Prüfung weist also generell einen leicht erhöhten Schwierigkeitsgrad auf.

Viele Lehrpersonen steigern die Schwierigkeit aber zusätzlich, indem sie

  • Aufgaben auswählen, so dass Aufgaben, die Lernende gut lösen können, an der Prüfung gar nicht vertreten sind
  • Aufgaben mit zusätzlichen Hürden einbauen, die Schüler:innen so noch nicht kennen
  • Aufgabenformate wählen, mit denen Schüler:innen noch nicht geübt haben
  • den Zeitdruck verschärfen.

Im Schema sieht das dann so aus:

Warum tun Lehrpersonen das?

Ein Grund könnte die Vorstellung sein, dass Lernen und Leisten zwei getrennte Aktivitäten sein müssen. Der Leistungsnachweis muss in dieser Logik schwieriger sein als die Übungsaufgaben. Diese Logik wird von der Prüfungskultur verschiedener Fächer geprägt, die es als eine wesentliche Kompetenz anschauen, Aufgaben lösen zu können, die man in dieser Form und Schwierigkeit noch nicht gesehen hat.

Ein zweiter Faktor, der hier eine Rolle spielt, ist die Vorstellung, dass Prüfungen «streuen» müssten. Die Schwierigkeit von Aufgaben wird also dahingehend genutzt, einigen Lernenden sehr gut, anderen sehr schlechte Noten zuzuweisen. Wären die Aufgaben vom Schwierigkeitsgrad her nahe bei den geübten Aufgaben, dann gäbe es kaum noch sehr schlechte Leistungen – so die Befürchtung.

Der Einsatz von erhöhten Schwierigkeitsgraden färbt aber so stark auf die ganze Prüfung ab, dass diese oft kein geeigneter Nachweis von Kompetenzen ist. In der oben abgebildeten Prüfung sind die Kompetenzen den Aufgaben beigefügt, die Aufgaben sind operationalisierte Kompetenznachweise. Wären sie deutlich schwieriger oder würden sie vom Format her eine Challenge darstellen, wären sie nicht mehr geeignet, um die erwähnte Kompetenz zu prüfen.

Mein Vorschlag deshalb: Prüfungen sollten so gestaltet werden, dass Lernende… 

  • genügend Zeit für die Lösung von Aufgaben haben
  • die Aufgabentypen in der Regel kennen
  • mit ähnlich schwierigen Aufgaben schon geübt haben
  • fast alle geübten Fertigkeiten zeigen können.

Eine speziell markierte Aufgabe darf aber durchaus eine Herausforderung darstellen, die auch Lernende unterhalten kann, welche die geübten Aufgaben gut können.

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