Kriterien, ein Spiderman-Meme und ein Reclam-Bändchen

Die These

Noten entstehen meist aus einer Mischung aus verschiedenen, jeweils verzerrten Normen:
a) der kriterialen Norm, bei der Leistung nach objektiven Vorgaben beurteilt werden sollen
b) der sozialen Norm, bei der Leistungen durch sozialen Vergleich bewertet werden
c) der individuellen Norm, bei der Leistungen durch den Vergleich mit früheren Leistungen derselben Person verglichen werden.

Kriterial kann jemand gut schwimmen, wenn er oder sie alleine ins Nichtschwimmerbecken gelassen werden kann. Sozial sind gute Schwimmer*innen schneller als zwei Drittel der Vergleichsgruppe. Und individuell verbessern sich Schwimmende, wenn sie schneller schwimmen können als vor drei Monaten.

All das vermischt sich in der Schule – gleichzeitig tun aber viele Lehrkräfte so, als wären nur Kriterien ausschlaggebend. Meine These, die schon intensiv diskutiert worden ist:

Wenn Beurteilungen kriterial erfolgen, dann könnten die Beurteilten sie auch selber vornehmen. Sie brauchen dazu möglicherweise Hilfsmittel und Distanz. Aber sobald es nur bestimmten Personen möglich ist, Beurteilungen vorzunehmen, sind sie nicht kriterial.

Der Tweet

https://twitter.com/Noelte030/status/1459948246550421507?s=20

Der Text

Silvia-Iris Beutel und Birgit Xylander haben bei Reclam einen lesenswerten Band über »Gerechte Leistungsbeurteilung« veröffentlicht. Die Autorinnen argumentieren mit starkem Praxisbezug und orientieren sich an einer Lernkultur, die »die einzelnen Schüler*innen in den Mittelpunkt stellt« (S. 8).

Die Autor*innen beschreiben eine »Passungskrise des Schulsystems« (S. 38ff.):

Diese zeigt sich in der Trägheit einer die gesellschaftliche Transformation nicht hinreichend berücksichtigenden und zu wenig zukunftsbezogenen Schulentwicklung. Das belegt ein vorrangig auf Nachvollzug von Stoff und damit lernseitige Einseitigkeit setzendes curriculares Vorgehen. Das verdeutlicht die Unerfahrenheit darin, authentische Lern- und Prüfungssituationen zu schaffen sowie die Verbesserung von Lernen, Kommunikation und Ergebnis mit und zwischen Schüler*innen auch im außerschulischen Rahmen digital gestützt zu gestalten.
Das Schulsystem reagiert zu wenig auf den gesellschaftlichen Bedarf und die Erwartungen an Schulerfolg bei den Kindern und Jugendlichen. Diese kommen mehr denn je mit unterschiedlichen Interessen, Motivationslagen, Fähigkeiten und verschiedener Herkunft, was in allen Schulen eine entsprechende pädagogische Professionalität und Ausbildung der Lehrenden voraussetzt. Zwar wird die Entwicklung diagnostischer Kompetenzen von Lehrkräften eingefordert, jedoch werden diese – beobachtet man die Entwicklung der letzten Jahre – erst nach und nach zu einer Aufgabe „der gesamten und berufsbegleitenden Lehrer*innenbildung.
Hinzu kommen immer noch ungeklärte Vorstellungen und Praxen von Gerechtigkeit in der Leistungsbeurteilung. Dies gilt sowohl in Korrespondenz zur Bezugsnormenwahl als auch in der Frage der Notwendigkeit des Einsatzes von Noten: »Ist ein Schulsystem (und die Leistungsbeurteilung) in erster Linie dann gerecht, wenn es Vergünstigungen streng nach Leistungskriterien vergibt, wenn es Individuen maximal anerkennt, wertschätzt und damit in ihrer Persönlichkeit stärkt, oder wenn es allen Kindern und Jugendlichen eine Teilhabe am weiteren (Berufs-)Leben garantierten kann?« (Pant, 2020, S. 58)

Der Band macht konkrete Vorschläge und zeigt, wie neue Formen der Beurteilung erst aus einem gesamtheitlichen Wandel von Schulen hervorgehen können: Aus einem Wandel, der Schüler*innen, Eltern und Lehrpersonen einbezieht und grundsätzlich reflektiert, welche Ziele Schulen verfolgen (sollen) und welche Instrumente ihnen dafür zur Verfügung stehen.  

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