In einem Noten-System auf Noten verzichten – eine «bullshit situation»

Wie viele andere Lehrkräfte versuche ich, die Bedeutung von Noten zu reduzieren. Ideal wären für mich Lehr-/Lernsettings, in denen keine Formen von Bewertungen und Beurteilungen mehr vorkommen. Mir geht es also nicht darum, andere Bewertungssysteme an die Stelle von Noten zu setzen oder die Prognose- und Selektionsfunktion von Noten mit einem alternativen Verfahren zu verbessern: Ich finde, Kinder und Erwachsene sollten ohne künstlichen Druck und ohne Selektion lernen. Fokus ihrer Lernanstrengungen sollte ihr eigenes Können sein, die Freude am Lernzuwachs und an dem, was sie besser tun oder verstehen können.

Die Begründung meines Ideals hat eine praktische und eine philosophische Seite: 1

  1. Auf der praktischen Seite funktionieren Noten nicht so (gut), wie das die meisten Menschen intuitiv annehmen. Bewertungen beschädigen die Motivation von Menschen, sie fördern Prozesse, die dem Lernen abträglich sind. Die aus Noten abgeleiteten Prognosen sind von schlechter Qualität (es sei denn, man leitet aus früheren Noten Schlüsse auf zukünftige Noten ab). Noten sind enorm ungenau und verstärken Diskriminierung. Selektionsprozesse, die auf Noten abstützen, sind fehlerhaft.
  2. Auf der philosophischen Seite gibt es keine «Leistung». «Leistungen» sind eine Erfindung, die ausblendet, wie abhängig der Output von Menschen von den Bedingungen sind, in denen sie aufwachsen und arbeiten. Wir können nur in einem geringen Ausmass beeinflussen, wie gut das ist, was wir tun. Die Vorstellung, Leistungen sollten gesellschaftlich belohnt werden, ist ein problematisches politisches Projekt, das ohne Schulnoten schnell unglaubwürdig wird.

Ich sehr überzeugt von meiner Haltung und überzeuge auch andere gern davon. Nur: Ich arbeite mit Schüler:innen in einem System, das Bewertungen und Noten eine wichtige Funktion zumisst. Wie sollte man damit umgehen?

Kürzlich bin ich auf den Embrace the Void-Podcast von Aaron David Rabinovitz gestossen. Rabinovitz vertritt eine philosophische Position, die man Moral Luck oder Moralischer Zufall nennt. Sie geht davon aus, dass man Menschen oft aufgrund von Handlungen beurteilt, über die sie nur in geringem Masse die Kontrolle haben. Wir können, so diese Ansicht, für vieles nichts dafür, was wir tun.

In einer Q&A-Folge wurde Rabinovitz von einer Lehrerin gefragt, wie sie mit einer solchen Sicht auf Menschen mit Noten umgehen soll. Wenn eine Schülerin viele Fehler im Diktat macht und ein Schüler wenig, dann ergibt eine Bewertung nur dann einen Sinn, wenn wir annehmen, dass sie kontrollieren konnten, wie viele Fehler sie machen.

Rabinovitz' Antwort fand ist sehr aufschlussreich und möchte sie unten umfassend (aber leicht gekürzt) zitieren (eine deutsche Übersetzung findet ihr noch weiter unten). Die Antwort macht einige Punkte deutlich, die mir auch in meiner täglichen Arbeit begegnen:

  • Es ist nicht möglich, ganz auf Noten zu verzichten, wenn ein System diese vorsieht.
  • Wir können das Problem nicht lösen, solange der Grundsatzentscheid nicht gefällt wird, auf Bewertungen zu verzichten.
  • Dennoch helfen einige Dinge: Schüler:innen Fehler korrigieren lassen, Tests wiederholen lassen, einzelnen Ereignissen nicht viel Bedeutung beimessen.
If the answer is, do I have a solution to that specific problem? I think the answer is no, nobody does, because it's not a solvable problem. It's a bullshit situation. I want to talk about ways to ameliorate, but I first just want to acknowledge that, because I think there's an illusion that people can get pushed into, which is no matter how bullshit your situation is, if you enact the right strategies, you can meet all of your moral demands in these situations and all of your expectations as a teacher. And I'm just, I don't think that's plausible at this point for what's being described in this scenario.
I think COVID really exacerbated the problem, awareness of the problem of grading and resulted in a lot of pushing for various kinds of bespoke approaches to addressing that. Things like de-emphasizing single specific events. Like you don't want there to be one big test that's going to make or break someone's life. You want multiple retakable tests.
You might not be able to get all the way to the extreme of the spectrum that you want to get to, where you don't issue any grades at all … teachers can set the students unlimited chances to turn in homework, to retake tests, to make corrections when they make mistakes.
I think this also goes hand in hand with how do you communicate with the students and families who are struggling … don't do it in secret, don't do it subversively, incorporate all the adults in it.

(Deutsche Übersetzung von Claude)

Wenn die Frage lautet: Habe ich eine Lösung für dieses spezifische Problem? Dann lautet die Antwort meiner Meinung nach nein – niemand hat eine, denn es ist kein lösbares Problem. Es ist eine beschissene Situation. Ich möchte über Möglichkeiten sprechen, die Lage zu verbessern, aber ich möchte das zunächst einmal anerkennen – denn ich glaube, es gibt eine Illusion, in die Menschen gedrängt werden können: nämlich dass man, egal wie beschissen die eigene Situation ist, durch die richtigen Strategien all seinen moralischen Anforderungen und allen Erwartungen als Lehrkraft gerecht werden kann. Und ich glaube schlicht nicht, dass das in dem hier beschriebenen Szenario realistisch ist.
Ich denke, COVID hat das Problem erheblich verschärft – das Bewusstsein für die Problematik der Benotung ist gestiegen, was dazu geführt hat, dass stark für verschiedene maßgeschneiderte Ansätze zur Lösung dieses Problems geworben wurde. Zum Beispiel dafür, einzelne, spezifische Prüfungsereignisse weniger stark zu gewichten. Man möchte nicht, dass es eine einzige große Prüfung gibt, die über jemandes Leben entscheidet. Man möchte mehrere wiederholbare Tests. Vielleicht schafft man es nicht ganz ans extreme Ende des Spektrums, das man anstrebt – also dahin, überhaupt keine Noten mehr zu vergeben … Lehrkräfte können den Schülerinnen und Schülern unbegrenzte Möglichkeiten einräumen, Hausaufgaben abzugeben, Tests zu wiederholen und Fehler zu korrigieren.
Ich glaube, das geht auch Hand in Hand mit der Frage: Wie kommuniziert man mit Schülerinnen, Schülern und Familien, die Schwierigkeiten haben? … Nicht im Verborgenen, nicht auf Umwegen – sondern alle Erwachsenen mit einbeziehen.

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