Eine Prüfungskultur ohne Nachteilsausgleiche
Kürzlich hat die NZZ am Sonntag in einem Artikel auf das scheinbare Problem hingewiesen, dass in der Schweiz zu viele Nachteilsausgleiche vergeben würden. Nachteilsausgleichsmassnahmen habe ich im Newsletter schon einmal kritisch diskutiert: Kurz gesagt geht es darum, dass Schüler:innen Kompetenzziele eigentlich erreichen könnten, das aber in Prüfungen nicht nachweisen können. Dieser «Nachteil» wird dann durch angepasste Prüfungsbedingungen «ausgeglichen».
In der Praxis Schweizer Gymnasien besteht dieser Ausgleich häufig aus Zeitzuschlägen. Das ist eines der zentralen Probleme: Die zur Verfügung stehenden Massnahmen sind oft gar nicht geeignet, die tatsächlichen Teillleistungsstörungen oder Behinderungen auszugleichen. Viele neurodiverse Menschen können beispielsweise nicht dann gleichwertige Leistungen wie neurotypische erbringen, wenn sie mehr Zeit zur Verfügung haben.
Wem eine Nachteilsausgleichsmassnahme zugesprochen wird, darf also meist länger an Prüfungen arbeiten. Einige Schüler:innen oder Eltern können das als Anreiz verstehen, eine Behinderung attestierten zu lassen, damit eine solche Massnahme gewährt wird.
Zusammengefasst: Die Nachteilsausgleichsmassnahmen sind erstens nicht geeignet, um tatsächliche Nachteile auszugleichen, zweitens sind sie für einige Schüler:innen ein Vorteil, den sie dank wohlwollenden Gutachten von Fachpersonen erhalten, während anderen diese Möglichkeit verweigert wird.
Die Zunahme von Nachteilsausgleichen ist eine Realität. Selbstverständlich handelt es sich wie bei der Zunahme von Linkshändler:innen und trans Menschen primär um den Effekt, dass endlich verstanden wird, wie unterschiedlich Menschen sind, auch bei der Leistungserbringung. Dennoch führt das zu einem grossen Aufwand für Lehrpersonen und Schulen, um alle diese Massnahmen zu berücksichtigen.
Für mich ist der Schluss aus diesen Überlegungen, dass die Prüfungskultur an einer Schule so gestaltet werden sollte, dass Nachteilsausgleiche nicht nötig sind. Was bedeutet das?
- Schüler:innen können Prüfungen in Settings schreiben, die ihren Bedürfnissen entsprechen.
- Schüler:innen werden zeitlich nicht unter Druck gesetzt. Sie haben genügend Zeit für die Bearbeitung der Aufgaben.
- Schüler:innen können die Hilfsmittel benutzen, die ihnen helfen, Leistungen zu erbringen.
Mein System von Kompetenznachweisen erfüllt diese Kriterien. Ich muss Nachteilsausgleichsmassnahmen nicht beachten, weil sie für den Nachweis von Kompetenzen in meinem Unterricht nicht relevant sind. Das hat auch damit zu tun, dass ich mit Bewertungen Schüler:innen praktisch nicht vergleiche. Ich würde mir wünschen, ganze Schulen würden zu solchen Kulturen finden.