Noten machen Fortschritte unsichtbar

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Angenommen, ein Schüler erbringt in einem Fach konstant gute Leistungen. Seine Noten sehen ungefähr so wie unten dargestellt aus: mal etwas besser, mal etwas schlechter – aber grundsätzlich eine 5 in der Schweiz oder eine 2 in Deutschland. Prüfung für Prüfung, Semester für Semester, Zeugnis für Zeugnis. Alles gut, alles kein Problem: eine 5 ist eine gute Note, eine 2 ist eine gute Note.  

Was bei diesem Schüler aber in dieser Zeit passiert, ist eine massive Steigerung seiner Kompetenz in diesem Fach. Der verhält sich ähnlich wie eine Figur in einem Computerspiel, die im Laufe des Spiels stärker wird, bessere Ausrüstung erhält, schwierigere Level meistern kann. Die Figur »levelt up«, wie man sagt – sie entwickelt sich.

Noten machen diese Entwicklung unsichtbar. Das hat einen einfachen Grund: Sie sind an eine Sozialnorm und eine problematische Vorstellung von Normalverteilung gebunden. Das bedeutet, dass im aktuellen Verständnis in einer Klasse wenige gute Noten, wenige schlechte Noten und der Rest mittelmäßige Noten erhalten sollte. Einerseits deshalb, weil die Noten vergleichsweise gut sind (also besser als die der anderen Schüler*innen) – andererseits deshalb, weil man implizit davon ausgeht, Noten seien eine Beschreibung von natürlichen Gegebenheiten (wenige Bäume sind nach zwei Jahren Wachstum groß, wenige klein und der Rest mittelgroß). Nur messen Noten nichts Natürliches, sie sind eine soziale Praxis, die locker verändert werden kann.

Würden Noten Kompetenzen abbilden, müssten sie sich wie Levels von Computerspielen verhalten: Unser Schüler müsste von Semester zu Semester besser werden. Es müsste für alle Schüler*innen einer Klasse möglich sein, eine gute Note zu erzielen, wenn die Lernziele erreicht werden. Dann würde eine Individualnorm verwendet, bei der die Leistung einer Person mit ihren früheren Leistungen verglichen wird. Aufgrund der Vorstellung, Noten müssten etwas vergleichen (statt Kompetenzaufbau beschreiben), gibt es heute keine Individualnorm.

Der Weg zu genaueren Beschreibungen von Kompetenzen und Verfahren, die Lernenden zeigen, dass sie Fortschritte machen, führt über die Abschaffung von Noten. In der aktuellen Praxis stecken zu viele falsche und implizite Vorstellung. Sie kann nicht durch Reformen gerettet werden.

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