Noten können nur durch ihre praktische Entwertung im Alltag verschwinden

Im Dezember war ich Gast in einem Modul von Kai Schudel, der mit Studierenden aktuelle bildungspolitische Debatten analysiert hat. Dabei haben sie sich auch mit der Frage beschäftigt, ob sich Schulen von Noten lösen sollen und wie das geschehen könnte.

Dabei ist mir in der Diskussion und in der theoretischen Rahmung durch Kai Schudel ein Zusammenhang bewusst geworden, den ich in dieser Deutlichkeit noch nicht fassen konnte. Dabei geht es um das Verhältnis von bildungspolitischen Entscheidungen (durch Schulleitungen, Ämter, Gesetzgebende etc.) zur alltäglichen Praxis an Schulen.

Dieses Verhältnis wird nur selten Gegenstand der Diskussion. Typischerweise ist das in zwei Fällen zu erwarten:

  1. Auf der Makroebene wird eine Reform beschlossen, die dann auf der Mikroebene umgesetzt werden muss.
  2. Auf der Mikroebene etabliert sich eine Praxis, die dann auf der Makroebene reglementiert bzw. verboten wird.

Wir alle kennen wohl Beispiele für Reformen, deshalb nur ein Beispiel für 2.: Als viele Schüler:innen auf Smartphones zugreifen konnten, haben Lehrpersonen begonnen, Nutzungsrichtlinien zu erlassen, Geräte zu beschlagnahmen, Chatgruppen einzurichten etc. Diese Praxis entstand ohne einen Entscheid von oben. Durch den Diskurs darüber ergab sich eine Notwendigkeit, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Bestimmte Handlungen auf der Mikroebene wurden erlaubt und eingefordert, andere verboten.

Im Seminar haben wir ein weiteres Verhältnis besprochen, das oft unsichtbar bleibt:

Grundsätzlich geht es darum, dass die Praxis an Schulen einen Entscheid so vorbereitet, dass er nachvollziehbar und pragmatisch wirkt. So erfolgt Legitimation. Was entschieden wird, scheint vernünftig, weil viele Schulen schon so verfahren und gute Erfahrungen gemacht haben. Gleichzeitig bewirkt der Entscheid, dass diese Schulen rechtlich abgesichert werden und wissen, dass sie das, was sie tun, auch tun dürfen.

Im Umgang mit Digitalität funktioniert das in der Schweiz recht reibungslos. Schulen entwickeln und erproben Praktiken, im Nachgang werden die nötigen Entscheide gefällt, welche diese Praktiken verankern und problematische Formen verbieten. Im Umgang mit KI wurde das gerade durchgespielt. Der Aufwand ist hoch, die Ergebnisse fallen aber recht gut aus (wir werden an (staatlichen) Schulen nie die innovativsten Arbeits- und Lernformen finden, das ist aber wohl auch nicht nötig).

Wenn wir das nun für Ungrading runterbrechen, so müssten Schulen in ihrer Praxis so weit wie möglich auf Noten verzichten (können). Das geht an Primarschulen recht gut, weil Lernende einerseits noch nicht extrem stark an Noten gewöhnt worden sind und weil Lehrpersonen pädagogische Entscheide oft ohne Rückgriff auf Noten fällen können.

Das andere Extrem sind Schulen auf der Sek-II-Stufe, wo Noten Pädagogik oft überlagern. Solange die Noten gut sind, gibt es für Schüler:innen an Gymnasien und Berufsschulen kaum Probleme, sobald Noten schlecht werden, kann man für sie kaum mehr etwas machen. Entsprechend orientieren sich Schüler:innen in ihrem Verhalten primär an Noten – auch bei Lehrpersonen ist das oft so. Der Weg hin zu einer Praxis, in der Noten obsolet werden können, ist kaum absehbar (aber denkbar: ich brauche in meinem eigenen Unterricht keine Noten).

Schulen auf der Sekundarstufe I befinden sich irgendwo dazwischen: Ihre Noten werden für die Selektion für weiterführende Schulen benötigt, zudem gibt es immer noch Unternehmen, die Schulnoten bei Bewerbungen berücksichtigen. Gleichzeitig kann vieles im Unterricht auch ohne Noten funktionieren.

Das Grundproblem ist die Effizienz von Noten: Sie sind eine mit minimalem Aufwand generierbare Form von Rückmeldung, die sehr hart wirkt. Zudem sind sie verrechenbar, was sie für schnelle Entscheide in Bezug auf Selektionsprozesse enorm attraktiv macht.

Das Fazit dieser Überlegungen: Schulen müssten Selektionsprozesse finden, die mit einem vergleichbaren Aufwand durchführbar sind, aber ohne Noten auskommen. Wenn sie beginnen, sich darauf abzustützen, könnten sie weitreichende Ungrading-Entscheidungen in der Bildungspolitik legitimieren. Vorher ist das nicht sehr wahrscheinlich.

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