Lernprodukte dialogisch und ganzheitlich bewerten – warum Kriterien gefährlich sind
Betrachten wir die aktuelle Lebens- und Berufswelt, den medialen Alltag sowie die Anforderungen, die wir als Gesellschaft an kompetente Erwachsene stellen, so ist es naheliegend, schulische Arbeiten daran auszurichten. Die Grundeinsicht besteht dabei darin, dass Schüler:innen authentische Leistungen erbringen sollen, die in ihrer Lebenswelt, in den entsprechenden Fachgebieten sowie in der Arbeitswelt eine Bedeutung hätten. Denkbar wäre also z.B. ein kurzes Video über ein Thema aufzunehmen, das im Fach als Wissensvermittlung sinnvoll wäre, formal den Sehgewohnheiten junger Menschen entspricht und in der Arbeitswelt genutzt werden könnte, um in Betrieben die Sicherung und Weitergabe von Wissen zu ermöglichen.

Erbringen Schüler:innen nun solche authentischen Leistungen, dann entstehen vielfältige Lernprodukte. Eine verbreitete, aber problematische Vorstellung im Umgang mit solchen Arbeiten ist es, Kriterienraster zu erstellen, mit denen die Bewertung scheinbar objektiviert werden kann. Viele Lehrpersonen denken, dass so eine belastbare, seriöse Bewertung entstünde.
Warum tendieren Lehrpersonen zu Kriterienraster?
- Ungleiche Leistungen werden so vergleichbar.
- Die Schüler:innen erhalten Informationen darüber, was wie bewertet wird.
- Ausgefüllte Kriterienraster sind Teil des Feedbacks, sie enthalten Informationen, wo Qualitäten und wo Schwächen liegen.
Dieses Vorgehen ist aber grundsätzlich problematisch, was eigentlich schon die drei Punkte aufzeigen. Ungleiche Leistungen müssen und können nicht verglichen werden, es ist geradezu absurd, über einen einheitlichen Kriterienbogen Arbeiten über denselben Leisten zu schlagen, die unterschiedliche Ziele verfolgen und unterschiedliche Methoden einsetzen. Ungleiches muss ungleich behandelt werden, damit eine adäquate Rückmeldung erfolgen kann. Die Information, die Lernende erhalten, engen ihre Bemühungen ein – sobald es Kriterienraster gibt, arbeiten Schüler:innen nicht mehr an guten Produkten, sondern versuchen, die Kriterien möglichst effizient und fokussiert zu erfüllen. Sie verlieren die Übersicht und überlassen die Beurteilung der Lehrperson hinter dem Kriterienraster. Dabei enthalten Arbeiten immer Qualitäten (und auch Schwächen), die in den Rastern nicht vorgesehen sind.
Daraus lässt sich ein besseres Vorgehen ableiten: Ein Gespräch über eine Arbeit, bei dem die Lehrperson Fragen stellt und Schüler:innen dabei hilft, eine Würdigung der eigenen Leistung selbst vorzunehmen. Das löst die Ohnmacht gegenüber Notengebungsprozessen auf und schenkt Schüler:innen Selbstvertrauen, weil sie eine aktive Rolle einnehmen können. So können sie auch wirksames Feedback von der Lehrperson abrufen. Sinnvoll ist dabei, dem Dialog Raum zu geben. Eine Bewertung kann erfolgen, wenn das vom System so vorgesehen ist, aber sie sollte ganzheitlich sein. Das bedeutet, dass die authentische Leistung als solche bewertet wird, indem auch eine Art von authentischem Feedback verwendet wird. Konkret: Könnte das erstellte Video so in einem professionellen Kontext eingesetzt werden? Was müsste allenfalls verbessert werden? Hier kann dann auch ein Prädikat verwendet werden, das sich aber nicht aus kleinteiligen Einzelbeobachtungen errechnet, sondern das mit dem Blick auf das ganze Projekt vergeben wird.
Kriterienraster führen oft dazu, dass irrelevante Aspekte mit Punkten bedacht werden. Das ist nicht absehbar, weil je nach Entwicklung der Arbeit einzelne Punkte gar nicht erfüllt werden müssen. Eine Lehrperson könnte z.B. ein Drehbuch für ein Video bewerten, obwohl einige Gruppen gar nicht mit einem Drehbuch abreiten, sondern die Planung mündlich und agil erfolgt. Entsprechende Abzüge wirken dann sehr ungerecht, werden von Lehrpersonen aber vorgenommen, weil sie ja im Voraus gesagt haben, was bewertet wird. Das ist aber oft sinnlos, weil eine Lehrperson gar nicht abschätzen kann, wie ein authentischer Arbeitsprozess vonstatten geht. Dafür Vorgaben zu machen, entbindet Schüler:innen einerseits von wichtigen Entscheidungen und schränkt andererseits den Handlungsspielraum unnötig ein.