«Können wir noch was tun, um unsere Note zu verbessern?» – was Lehrpersonen auf diese Frage antworten sollten
An meiner Schule findet bald die «Notenabgabe» statt, also der Termin, an dem alle Noten eingetragen werden und dann verrechnet werden müssen. Das führt bei einigen Schüler:innen dazu, dass sie Zusatzleistungen anbieten und nachfragen, was sie tun können, um ihre Note zu verbessern. Oft empfehlen Eltern oder andere Lehrpersonen dieses Vorgehen, da es zumindest die Bereitschaft ausdrückt, sich zu engagieren.
Wie sollten Lehrpersonen darauf reagieren? Ich werde drei mögliche Antworten skizzieren, abhängig vom Noten- und Schüler:innen-Verständnis. Zuvor ist aber eine Grundseinsicht entscheidend, die Noviz:innen nicht immer klar ist:
Wer Schüler:innen zusätzliche Bewertungsmöglichkeiten anbietet, muss schon vorher entscheiden, ob die Note verbessert werden soll. Nur in wenigen Fällen werden Schüler:innen die Zusatzleistung nicht oder schlecht erbringen – fast immer werden sie hohes Engagement zeigen. Damit verbunden ist die Erwartung, dass die Zeugnisnote auch verbessert wird. Das in den letzten stressigen Tagen vor der Entscheidung zu verweigern, verschlechtert pädagogische Beziehungen nachhaltig. Kurz: Die Zusatzleistung darf keine Falle sein, bei der nur unter optimalen Bedingungen eine Notenverbesserung möglich wird.
Nun zu den drei Sichtweisen: In der einen ist die Zeugnisnote Ausdruck von Kompetenzen. Das ist meine Sicht, deshalb benote ich auch konsequent mit Kompetenzrastern. Eine Zusatzleistung ist für mich ein Kompetenznachweis. Dieser ergibt nur dann einen Sinn, wenn es Kompetenzen gibt, die vorhanden, aber noch nicht richtig nachgewiesen sind. Zusätzliche Arbeitsschritte, die nicht dazu geeignet sind, relevante Kompetenzen zu dokumentieren, haben keinen Einfluss auf eine so gesetzte Note. Zudem kann sich die Note nur verbessern. Kompetenzen können nicht verloren gehen, sondern sich nur entwickeln.
In der zweiten Sichtweise ist die Zeugnisnote Ausdruck der Performance bei Leistungsnachweisen. Das ist die Sicht hinter der Vorstellung, es gebe spezifische Leistungsaufgaben, mit denen Leistung erhoben werden könne (eine Kritik dieser Annahme findet sich hier). Dann könnte eine zusätzliche Prüfung mit ebensolchen Leistungsaufgaben eine weitere Performance in die Berechnung der Note einbeziehen – verbunden mit dem Risiko, auch eine schlechtere Note zu erhalten. Wer so auf Leistungen von Schüler:innen blickt, dürfte nicht plötzlich zu Vorträgen oder Lernprodukten übergehen, wenn diese nicht schon zuvor das Format dargestellt haben, in dem Leistung scheinbar «messbar» gemacht wurde.
In der dritten Sicht sind Noten Ausdruck einer auch subjektiven Einschätzung der Fähigkeiten und des Potenzials von Lernenden. Das wird oft dann sichtbar, wenn Lehrpersonen Notendurchschnitte kommentieren («Eigentlich könnte er mehr, aber…»; «Diese Note ist sehr wohlwollend, weil da auch noch eine Projektarbeit einberechnet wurde…»). In dieser Sicht ist schon allein die Bereitschaft, eine zusätzliche Arbeit zu erledigen, Ausdruck einer Verbesserung. Schüler:innen schätzen Lehrpersonen also in ihrer Anfrage so ein, sie möchten gern in einer Gesamtsicht besser dastehen.
Die Antwort von Lehrpersonen auf die Frage, ob zusätzliche Leistungsnachweise möglich sind, sollte kurz gefasst drei Teile haben:
- Eine Entscheidung (fast immer ist es sinnvoll, «nein» zu antworten, weil Lehrpersonen ja schon viele faire Möglichkeiten zu Leistungsnachweisen gegeben haben und es wenig bringt, kurz vor knapp noch weitere zu improvisieren).
- Ein Angebot an alle Lernenden, eine allfällige Möglichkeit zu nutzen.
- Die Konzeption einer Möglichkeit, die kohärent mit der Beurteilungspraxis in diesem Fach ist und klare Bedingungen für eine Verbesserung der Zeugnisnote enthält.
Grundsätzlich sollten erfahrene Lehrpersonen diese Anfragen antizipieren und schon dann, wenn sie über die Festlegung von Noten mit Schüler:innen reden, erklären, wie sie in solchen Fällen vorgehen.