Das Problem der Erwartungshorizonte und Musterlösungen

Kürzlich sah ich auf einer Deutschprüfung folgende Frage:

Was ist Ironie?

Für die Antwort waren zwei Punkte vorgesehen. Ich fragte mich zunächst: Welche Antwort wird hier wohl erwartet? Und dann: Wofür wird hier ein Punkt vergeben, wofür zwei Punkte?

Beide Fragen könnten beantwortet werden, indem die Lehrperson einen Erwartungshorizont festlegt bzw. eine Musterlösung schreibt (es gibt einen Unterschied). Darin könnte dann Folgendes stehen:

Uneigentlicher Sprachgebrauch, bei dem das Gemeinte durch sein Gegenteil ausgedrückt wird.
(Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 185)
Jeder Teil der Definition ergibt einen Punkt.

Die folgenden Antworten könnten damit wie folgt bewertet werden:

  1. »uneigentlicher Sprachgebrauch« -> 1 Punkt
  2. »das Gegenteil von dem sagen, was man meint« -> 1 Punkt
  3. »wenn man nicht das sagt, was man meint« -> ?
  4. »Wenn jemand merkt, dass etwas Gesagtes nicht wörtlich zu verstehen ist« -> ?

Wie würden Sie 3. und 4. mit dieser Musterlösung bepunkten? 3. ist zwar ungenau, aber wirkt eigenständiger als 1., wo ich eine auswendig gelernte Formel vermute. 4. bezieht sich auf ein linguistisches Kriterium, das in der kurzen Definition nicht vorkommt – nämlich dass Ironiesignale Rezipierenden erlauben müssen, Ironie zu durchschauen. Das ist sehr wichtig, weil Lügen keine Ironie sind.

Damit wir uns aber nicht in linguistischen Details verlieren, zurück zur Musterlösung und ihrer Funktion:

  1. Sie macht für andere Korrigierende sichtbar, was im Kontext des Unterrichts erwartbar wäre. Wer die oben stehende Musterlösung schreibt, kann erwarten, dass Lernende diese Definition von Ironie kennen.
  2. Gleichzeitig führt sie eine Struktur ein: Sie zerlegt komplexe Antworten in Teile, die für sich bewertet werden können.
  3. Sie kann Lernenden im Nachhinein zeigen, was die Erwartungen an sie gewesen wären. Sie ersetzt dadurch Feedback, vgl. z.B. diese Praxisanleitung.
  4. Sie schränkt den Raum möglicher Antworten ein.

Damit entsteht ein Problem: Schüler*innen, die sich gedanklich eigenständig mit fachlichen Problemen auseinandersetzen, müssten sich dabei ständig auf bereits festgelegte Erwartungen beziehen, um viele Punkte zu erhalten. Wer die Erwartungen kennt, erbringt damit bessere Leistungen als wer Aufgaben intensiv bearbeitet. Kurz: Erwartungshorizonte führen zu Aufgaben tiefer Taxonomiestufen. Sie bestrafen Schüler*innen, die außerhalb schematischer Wissensbestände nachdenken, die Aufgaben kreativ lösen.

Zuweilen sagen Lehrpersonen, sie würden Musterlösungen ergänzen, wenn gute Antworten von Schüler*innen das erfordern. Damit werden aber die Funktionen 1.-3. obsolet: Wenn die Antworten von Lernenden tatsächlich ausschlaggebend wären, dann bräuchte es keine Musterlösungen.

Ein sinnvoller Leistungsbegriff orientiert sich an Problemen, nicht an Aufgaben: Lernende bearbeiten fachliche Probleme und erhalten von einer Lehrperson dazu Feedback. Das wäre der richtige Lernmodus, während der falsche ist: Lernende lösen Aufgaben und werden einer Lehrperson dabei bewertet. Wenn Aufgaben aber nötig sind, können Erwartungen und Strukturen in die Aufgabenstellung integriert werden, so dass ein Erwartungshorizont gar nicht mehr nötig ist:

a) Erfinde ein kurzes Gespräch, in dem gelungene Ironie vorkommt.
b) Zeige aus der Sicht der Person, die Ironie verwendet, worauf sie achten muss.
c) Zeige aus der Sicht der Person, die Ironie erkennt, wie sie das schafft.

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