Wie sich Notengebung auf Lehrende und Lernende auswirkt

Was macht es eigentlich mit Lehrpersonen und Schüler:innen, wenn Noten vergeben werden? Diese recht einfache Frage wird kaum je untersucht, weil Noten als unveränderlich angesehen werden, weil Schule und Unterricht kaum je so gedacht wird, dass sie nicht schon durch Leistungsbeurteilungen verformt sind. Der Erziehungswissenschaftler Georg Breidenstein hat sich in einem Projekt eingehend mit dieser Frage beschäftigt. Ein Ergebnisbericht findet sich in dieser aktuellen Publikation (auch von mir findet sich ein Beitrag darin, Interessierte finden ihn hier).

Ich fasse die wichtigsten Erkenntnisse in drei Schritten zusammen: Zunächst zeige ich, wie Lehrpersonen vorgehen, um die von ihnen vergebenen Zensuren als gerecht erscheinen zu lassen. Dann gehe ich darauf ein, welche Auswirkungen das gemäß Breidenstein auf die Lernkultur hat. Zuletzt diskutiere ich die von ihm vorgeschlagenen Lösungen.

Legitimierungsstrategien

Dass ‚Objektivität‘ im Kontext schulischer Leistungsbewertung nicht erreichbar ist, weil diese vielfältigen Verzerrungen und Erwartungseffekten unterliegt, ist allen Beteiligten (mehr oder weniger) bewusst […] Für die Legitimität der Notengebung scheint die Beschwörung der Fiktion einer neutralen und objektiven Bewertung dennoch oder gerade deswegen unverzichtbar zu sein.

Diese Diskrepanz zwischen dem Wissen von Lehrpersonen, dass Noten nicht objektiv vergeben werden (können), und ihrem Glauben an diese Möglichkeit, führt zu Praktiken der Legitimierung von Noten. Breidenstein nennt folgende:

  1. Noten mathematisieren, sie also mit Formeln aus Punkten oder Durchschnitten errechnen (was man nicht darf)
  2. viele Einzelnoten produzieren
  3. Schüler:innen in die Beurteilung einbeziehen und sie Noten selber setzen lassen
  4. den Schüler:innen die alleinige Verantwortung für die erbrachten Leistungen geben (»Es muss klargestellt werden, dass die gemessene Leistung nicht etwa darin begründet liegt, dass die Erklärung des in Frage stehenden Sachverhaltes im Unterricht mangelhaft war oder die unterrichtlichen Lerngelegenheiten ungünstig waren.«)

Breidenstein merkt an, dass stabile Noten sowie sich verbessernde Noten grundsätzlich unproblematisch seien, weil wenig Legitimierungsbedarf entsteht. Nur wenn sich z.B. die Leistungen einer guten Schülerin verschlechtern, muss der Verdacht ausgeräumt werden, das könnte am Unterricht oder an den Lerngelegenheiten liegen. Die Legitimierung führt grundsätzlich zu drei Praktiken, die sich aufeinander beziehen:

Die Noten werden als Ergebnis mathematischer Berechnungen präsentiert; es wird ein Verfahren etabliert, das die öffentliche Zustimmung der Betroffenen zu ihren Noten hervorbringt; und der Unterricht der Lehrperson wird von seinem Anteil an der bewerteten Leistung vollständig entlastet.

Auswirkungen dieser Praktiken

Hier entsteht dann ein Problem. Wie Breidensteins Untersuchung zeigt, führen die Praktiken zu massiven Beschädigungen der Lernkultur. Er erwähnt folgende Punkte:

  • »Das Engagement von Schüler*innen im Rahmen des Unterrichts wird wesentlich durch die Zensurengebung aufrechterhalten – allerdings zugleich auch begrenzt.«
  • »Wir haben vor allem an der Sekundarschule gesehen, wie Lehrpersonen sich komplexe Rituale ausdenken, um Kindern die Bedeutsamkeit von Zensuren zu vermitteln; wie dünnhäutig Lehrpersonen reagieren, wenn die angemessen zerknirschte Reaktion auf eine schlechte Note ausbleibt und insgesamt wie umkämpft die Anerkennung der Relevanz der Zensuren ist.«
  • »Zensuren lösen sich von der Funktion der Leistungsrückmeldung und erscheinen als reines Mittel zum Zweck, der in der Aufrechterhaltung (eines Minimums) von Unterrichtsbereitschaft liegt.«
  • »Je länger Schüler:innen schulischer Leistungsbewertung in Form von Zensuren ausgesetzt sind, desto unwahrscheinlicher wird, dass sie diese im Sinne einer ‚Leistungsrückmeldung‘ ernst nehmen. Das heißt nicht, dass Zensuren bedeutungslos würden. Wenn beispielsweise die Versetzung gefährdet ist, wird von Schülerinnen sehr genau gerechnet […]«
  • »So legen Schüler*innen mit zunehmender Erfahrung ein ausgesprochen ökonomisches Kalkül in der Dosierung ihres Einsatzes an den Tag und investieren nur dort, wo sich noch eine Verbesserung der Zensur erreichen lässt.«

Breidenstein fasst die Probleme rund um die Legitimierung von Unterricht und Zensuren wie folgt zusammen:

Zu befürchten ist, dass die Schule, indem sie immer unvermittelter und verzweifelter auf Zensuren als letztes Mittel in diesem Kampf setzt, sich in eine Auseinandersetzung verwickelt, die sie nicht gewinnen kann.

Lösungsvorschläge

Abschließend hält Breidenstein fest, was sich in dieser Problemlage tun ließe:

  1. Bedeutung der Noten bewusst begrenzen.
  2. Distanz zur Vorstellung aufbauen, Noten seien objektiv.
  3. Pädagogische Bestrebungen von Notengebung lösen (»Es kommt darauf an, sich der Risiken des diagnostizierenden Blicks bewusst zu bleiben, der auch bei Wohlwollen Schüler*innen immer zugleich auf bestimmte Charaktereigenschaften, Positionen in der Klasse und Leistungsvermögen festschreibt.«)

Sein Fazit sollten alle Lehrpersonen lesen:

Vielleicht sollte man ab und zu das Geschehen aufzeichnen, wenn man eine Klassenarbeit zurückgibt oder mit Schüler:innen über Zensuren spricht. Die subtilen Praktiken der Zuschreibung, Identifizierung und auch Stigmatisierung jedenfalls zeigen sich erst der nachträglichen und detailgenauen Analyse. Bei einer solchen Analyse der eigenen Praxis käme es auch darauf an, sich die Situation der Bewerteten vor Augen zu führen: Welche Handlungsoptionen haben die Schülerinnen? Bleibt ihnen etwas anders übrig, als sich von dieser Art des Bewertet-Werdens zu distanzieren?

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