Was passiert, wenn Noten auf Schüler:innen willkürlich wirken

Diese Woche habe ich im Gespräch mit einer Klasse eine Einsicht gehabt, die ich in meiner Praxis schon mehrmals gestreift habe. Sie ist ähnlich wie die Weakest-Link-Einsicht, die ich unten als Bonus noch kurz umreisse.

Die aktuelle Einsicht geht so: Wenn Schüler:innen in meinem Unterricht den Eindruck haben, meine Noten seien willkürlich, sie könnten ganz anders sein, als sie sind – dann ist das kein Problem, sondern gerade das Ziel. Weil: genauso sind Noten. Es gibt keinen gerechten, objektiven Weg, der Arbeit, die Schüler:innen während Monaten leisten, einen Zahlenwert zuzuordnen. Das Problem sind also die Lehrpersonen, als seien ihre Noten unterschütterlich, bis auf zwei Nachkommastellen berechnet. Das Problem ist so stark, dass Schüler:innen ganz fest daran glauben, dass es richtige und gute Wege gebe, Noten zu setzen – und Lehrpersonen glauben noch stärker daran, sie sehen es sogar als ihren Auftrag an, solche Noten zu setzen. Obwohl das gar nicht geht.

Wenn nun Schüler:innen meine Noten nicht so sehen, erlebe ich das in einem ersten Reflex immer noch als ein Problem, als unprofessionelles Verhalten. Diese Woche ist mir bewusst geworden, dass das genau das Ziel sein muss. Natürlich immer so, dass Schüler:innen im Idealfall nicht darunter leiden. Merken sie das bei Noten, die ihre schulische Zukunft nicht gefährden, ist das ein toller Lerneffekt. Werden sie deswegen nicht ausgewählt oder versetzt, dann müsste ich ihnen die beste der möglichen Noten geben. Was ich in der Regel auch mache.

Nun noch die Weakest-Link-Einsicht: Wenn ich keinen Druck erzeuge, also weder über Noten noch über Strafen, dann behandeln Schüler:innen mein Fach mit geringer Priorität. Mein Fach ist «the weakest link». Zuerst dachte ich auch hier, das sei ein Problem: Tatsächlich ist aber auch die Lösung. Wenn in einem Fachlehrer:innen-System alle Druck aufbauen und in Konkurrenz um die Lernzeit der Schüler:innen treten, leiden am Schluss die Lernenden darunter. Wenn ich Druck rausnehme, passiert logischerweise das, was passiert: Ich entlaste Schüler:innen, weil sie meine Aufträge nicht zwingend erfüllen müssen. Auch hier: Das ist kein Bug, sondern ein Feature eines verantwortungsvollen Unterrichts.

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